I can feel the night beginning….(XI: Spiegel)

„Ich will uns dabei im Spiegel sehen!“

Er sah den Hunger in ihren Augen und ihm wurde schlecht, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte. Dieser eine Blick, das silbrige Glänzen in ihren Augen, hatte ausgereicht, um den Bann zu schwächen unter dem er stand. Er verzog das Gesicht zu etwas, dass wie ein lüsternes Grinsen aussehen sollte und stemmte sich mit zitternden Armen auf die Ellenbogen hoch.

„Mein schöner, schöner Josua“, gurrte sie und er konnte fühlen, wie sein Wille wankte. Er wollte sie, wollte sie noch immer. Wollte spüren, wie sich ihre Lippen wieder um sein Glied schlossen und ihre Zunge ihn feucht und heiß begrüßte. Er wollte, dass sie an ihm lutschte, er wollte sie ficken und es war ihm beinahe egal, dass nicht nur seine Lust ihn verbrennen würde. Das Ding, dass noch immer zwischen seinen Schenkeln kniete und ihn mit unschuldigen blauen Augen ansah, würde ihn leer trinken, wie eine Spinne, die die verflüssigten Eingeweide ihrer Beute aussaugte.
Beinahe, er versuchte Luft in seine verkrampfte Brust zu bekommen, es war ihm nur beinahe egal. Schwerfällig rappelte der Jäger sich auf, stellte sich vor sie hin und streckte beide Hände nach ihr aus.

„Eva“, hauchte er kurzatmig, „komm schon!“

Endlich ergriff sie seine dargebotenen Hände und er zog sie schwungvoll vom Bett in seine Arme. Gott, sie fühlte sich so gut an. Die glatte, kühle Haut ihres Rückens unter seinen Händen ließ ihn schwindeln. Er konnte sich nicht mehr entsinnen, wie man einen Fuß vor den anderen setzte. Eineinhalb Meter lagen vor ihm. Zwei Schritte vom Bett bis zum Spiegel und er konnte sich nicht bewegen. Eineinhalb Meter…und er wusste nicht wie! Er sah auf ihr Gesicht und sie blickte ihn an, mit diesem silbernen Glanz in den Augen…tiefe Brunnen blickten zu ihm auf und labten sich an seiner Lebensenergie. Er fühlte, wie er vor einem Abgrund stand und hinab starrte. Er müsste nichts tun, außer sich selbst loszulassen. Loslassen war so viel einfacher, als sich weiter festzuklammern. Er war so müde.

Josua ließ sich fallen, schwankte, stolperte nach vorne und das war der Moment indem die Nervenknoten in seinem Rückgrat die Regie übernahmen. Der Reflex ließ ihn einen Schritt nach vorne machen und er schreckte aus seiner Trance auf. Er blinzelte. Scheinbar verdutzt musterte ihn der Succubus.

„Josua? Ich bin hier,“ sie versuchte seinen Blick zu fixieren und strich sanft mit ihrer Hand über seine Wange. Erneut begann der Dämon sein teuflisches Lied zu summen. Viel Zeit und Selbstkontrolle blieben ihm nicht mehr.

„Hmh“, er versuchte sie nicht anzusehen. Wenigstens war ihm wieder eingefallen, wie man ging. Hastig setzte er sie vor dem großen Standspiegel ab.

Er schluckte schwer, sah Eva tief in die Augen: „Sieh hin, du bist wunderschön!“ Es war nicht schwer überzeugt zu klingen, denn er meinte was er sagte.

Sie kicherte: „So wie du, mein stattlicher, stattlicher Held.“ Er brauchte nicht erst in den Spiegel zu sehen, um zu wissen, dass das eine Lüge war. Stattdessen zog er sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. Eva begann zu schnurren und wieder schoss ihm das Blut vom Kopf direkt in die Leibesmitte. Er kratzte die letzten Reste seines Willens zusammen, schob sie auf Armeslänge von sich weg und versuchte sie zum Spiegel hin zu drehen, doch Eva fixierte ihn fest mit ihrem Blick. Verdammt, wenn das Miststück wollte, dass er grob wurde sollte sie es so haben! Grob packte er die Frau, drehte eine ihrer Hände auf den Rücken und schob sie vor den Spiegel. Dann fasste er ihren Unterkiefer fest mit der freien Hand und wendet ihr Gesicht in Richtung der glänzenden Glasfläche.

„Sieh hin, Schlampe!“ Er spuckte ihr bei diesen Worten fast ins Gesicht und sie sah endlich hin. Blickte in ihre weit aufgerissenen Augen und stürzte in ihren eigenen Abgrund. Ein Ausdruck dümmlichen Entzückens erblühte auf ihrem Gesicht. Langsam sank sie in die Knie.

„So schön Schwester, so schön, so wunderwunderschön…“ Sie hypnotisierte sich selbst und Josua war wild entschlossen seine einzige Chance zu nutzen. Mit gefühllosen Fingern wühlte er das Amulett aus seinem Hemd und riss es mit einem festen Ruck von seinem Hals. Zum tausendsten Mal betrachtete er das silberne Schmuckstück in seiner Hand. Der ovale Anhänger an der zerrissenen Kette war aus altersschwarzem Silber und etwa so groß wie eine zwei Euro Münze. Auf der Vorderseite war das Metall glatt und lediglich fleckig, wo es oxidiert war, die Rückseite jedoch wurde  blutrot von dutzenden Symbolen unterbrochen, die entfernt an germanische Runen erinnerten.

Er musste den Spiegel zerstören, solange der Succubus noch von seinem eigenen Bild gefangen genommen wurde. Seine hektischer Blick fand auf Anhieb nichts, was ihm dabei helfen konnte. Also biss er die Zähne zusammen, wappnete sich gegen den Schmerz und schlug mit aller Gewalt die Faust gegen die Spiegelfläche. Das Glas zersprang und messerscharfe Scherben und Splitter gingen in einem silbernen Regen über dem Succubus zu Boden und die dunkle, hölzerne Rückwand des Ständers wurde sichtbar. Die Erschütterung des Schlages fuhr dem Jäger wie ein Blitz bis in die Schulter und er konnte einen schmerzerfüllten Aufschrei nicht unterdrücken. Zum Glück hatte er keine Zeit den angerichteten Schaden zu begutachten, denn unter ihm fing Eva an jämmerliche, wortlose Schreie auszustoßen. Sie war in sich zusammen gesackt und wühlte mit blutigen Händen in den Scherben, um ihr eigenes Bild wiederzufinden.

Er packte sie mit seiner unversehrten Hand am Hals, um sie ruhig zu halten, während er mit der anderen das Amulett mit der gravierten Seite nach unten gegen ihre Stirn presste. Er murmelte eine Formel in der Sprache der Hexen, die eine Seele befreien und den Zauber aus dem Amulett lösen sollte. Er hatte noch nie die Chance gehabt einen Succubus zu verbannen und wusste daher nicht, ob er die Worte richtig gewählt und die Silben korrekt betont hatte. Kein helles Licht und kein Glockenläuten kündigte von seinem Erfolg. Die Magie der Wiccan war still und effektiv. Mit einem Seufzen fiel das Mädchen kraftlos nach hinten. Josua selbst hatte weder die Energie noch die Reaktionsgeschwindigkeit, um sie aufzufangen und so schlug ihr Kopf hart auf dem Holzboden auf.

Er zuckte schuldbewusst zusammen. Erschöpft kroch er um sie herum und sah in ihr Gesicht. Am Flattern ihrer Lider konnte er erkennen, dass sie irgendwo zwischen Wachen und Bewusstlosigkeit war. Ziemlich unsanft schlug er ihr auf die Wange: „Eva! Eva hörst du mich? Komm zu dir verdammt!“

Sie öffnete langsam und mühsam die Augen, so als kämpfe sie gegen ein Gewicht an, das sie ihr wieder zu verschließen drohte. Dann sah er ihr in die Augen. Braun, ihre Augen waren braun!

„Eva?“, fragte er sanft. Sie schluckte und ihr Blick fand endlich seinen.

„Ich….oooooh shit!“, sie schlug seine Hände von sich und kroch durch den Scherbenhaufen rückwärts von ihm weg. „Fass mich nicht an!“, fauchte sie.

Beschwichtigend hielt er die Hände mit den Flächen nach außen vor seine Brust, um ihr zu signalisieren, dass er weder bewaffnet war, noch vorhatte sich ihr zu nähern. Sie hockte in einer Ecke zwischen Kommode und Wand und schlang ihre Arme um ihre Knie. ‚Warte‘, wollte er sagen, ‚warte, lass uns reden.‘ Doch er sparte sich die platten Sprüche. Der Zorn kochte heiß in ihm, als er das verängstigte Mädchen ansah, dass mit blutenden Händen und Knien weinend in der Ecke saß.

Erschrocken bemerkte er, dass er noch immer halbnackt vor ihr hockte. Kein Wunder, dass sie wollte dass er ihr fern blieb. Ohne den Blick von Eva abzuwenden, versuchte er die Hose hinter sich auf dem Boden vor dem Bett zu ertasten. Als er sie endlich gefunden hatte und hastig nach ihr griff, schrie er erschrocken auf. Er hatte seine verletzte Hand vergessen! Der Schmerz war so heftig, dass ihm kalter Schweiß ausbrach. Er traute sich kaum hinzusehen. Als er es schließlich doch tat war er überrascht, dass die Hand nicht einmal so schlimm aussah. Natürlich blutete er stark, aber es waren noch alle Finger dran. Die Fingerknöchel waren von der Wucht des Schlages aufgeplatzt und zwischen Ring und Mittelfinger ragte das Ende eines Splitters aus der Haut. Kein Wunder, dass das weh tat! Mit spitzen Fingern zog er das Glasstück aus seiner Hand. Die Scherbe war gut und gerne drei Zentimeter lang. Probehalber machte er vorsichtig eine Faust. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen, doch es ging. Mit etwas Glück war also nichts gebrochen.

Josua atmete einmal tief ein und aus. Er ließ sich auf das Bett fallen, um kurz seine Gedanken zu sortieren. Im Augenblick war er deutlich überfordert. Das Mädchen, die Hand, seine unbedeckte Blöße….er wusste nicht einmal, was davon er zuerst versorgen sollte. Doch diesmal war das Schicksal gnädig zu ihm und nahm ihm die Entscheidung ab. Plötzlich kippte nämlich der Boden auf ihn zu und ein blendendes Licht explodierte in seinem Hinterkopf. Er hatte gerade noch Zeit sich darüber klar zu werden, dass er gerade niedergeschlagen worden war, als er auch schon mit dem Parkett kollidierte und das Licht ausging.

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2 Kommentare zu „I can feel the night beginning….(XI: Spiegel)

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