Halt mal kurz II

 

Nach dem 1. Tag des Verlagsworkshops kam ich voller Tatendrang nach Hause. Lektorat, Verlagsarbeit, Festanstellung – alles (irgendwie) machbar. (Das irgendwie löse ich schon irgendwann noch auf.) F. war bei Ikea gewesen, um ein paar praktische Möbelstücke zu kaufen, damit wir die Kramecken in seiner Wohnung aufgeräumt und meine Sachen unter kriegen. Ich wollte etwas tun. Produktiv sein. Und so weit, dass ich darüber schreiben hätte können, war ich noch nicht. Es war klar, was zu tun war: Ich würde den Rollwagen aus Metall aufbauen und dann den Kram einräumen und dann wäre die Wohnung ein bisschen mehr mein zuhause und F. würde sich freuen, wenn er von der Arbeit kommt.

Da ich erst vor Kurzem die vordere Blende falsch herum an den Schuhschrank geschraubt hatte, wodurch ich das Teil praktisch nochmal ab- und wieder aufbauen musste (das Brett war einfach so gut befestigt), war ich natürlich sehr sehr vorsichtig. Ich studierte die Bilder genau, und als mir klar war, welche Rohre in welcher Reihenfolge zusammengesteckt werden mussten, legte ich voller Tatendrang los. Der Rahmen des Wagens war dann auch fix fertig und ich machte mich daran den ersten Korb einzuhängen und festzuschrauben.

Doch…ihr ahnt es sicher schon: an der Stelle, an der er befestigt werden sollte, gab es überhaupt keine Möglichkeit dies zu tun. Ich sah mir die Bilder nochmal an. So ein verf… Scheiß. Ich hatte die Rohre f a l s c h h e r u m zusammengesteckt und schön fest geschraubt. (Ikea Möbel sind viel stabiler und haltbarer, wenn man darauf achtet alle Teile RICHTIG gut zu verschrauben) Um die Teile umzudrehen musste ich vier Schrauben lösen. Ok, nicht so schlimm. Schraube 1: Check. Schraube 2: Check. Schraube 3: Check. Schraube 4: Ch…nicht check. Toll, die Schraube saß fest, der Schraubendreher fand keinen halt. Das Profil des Schraubenkopfs: Ziemlich schnell ziemlich durch. Alter Handwerker-Trick: Einen Gummi zwischen Schraube und Schraubendreher, um die Reibung zu erhöhen. Klappt nicht. Jetzt hat der Gummi auch ein Loch und der Kopf der Schraube ist ein metallisch glänzender Krater. Ich schwitze. Ich schäme mich. Ich bin doch intelligent, wieso ist mir das schon wieder passiert? Verdammt, ich kann einen Kleiderschrank alleine aufbauen, eine Lampe anschließen, ich weiß wie man Dübel verwendet und wie man eine Wand perfekt tapeziert….warum bin ich zu dämlich ein 12-teiliges Puzzle mit bebilderter Anleitung richtig zusammen zu schrauben? Na gut…da konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch nix mehr retten.

Ich beruhigte mich, trank einen 43er mit Milch und freute mich über den erfrischenden Schauer. Als der Regen versiegt war, genoss ich den würzigen Duft der wiederbelebten Natur und bewunderte das Licht, das durch die Wohnung flutete. Warm und farbig, wie Vanillesoße war es. Das wollte ich mir jetzt genauer ansehen. Zumal es nicht nur aus Westen kam, wie ich es am Abend erwartete, sondern von Osten und Westen. Ich ging also an der Ostseite ans Fenster, um herauszufinden, welches Spektakel sich da abspielte.

Es war atemberaubend schön: Gelbes, orangenes und rotes Licht spiegelte sich in den wattigen grau weißen Wolken, die sich im Osten gerade auflösten. Toll dachte ich, wenn ich F. schon keine Freude mit den Möbeln machen kann, dann schicke ich ihm wenigstens ein Foto von diesem außergewöhnlichen Spektakel. Ich schob mir einen Stuhl an die Arbeitsfläche und beugte mich weit vor, um den schönsten Winkel zum fotografieren zu finden. „Vorsicht,“ sagte eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf,“wenn du jetzt dein Handy fallen lässt, kannst du es vergessen. Das hier ist der 3. Stock!“ Pah, dachte ich, mir ist noch nie eine Kamera aus der Hand gefallen, beugte mich aus dem Fenster, um DAS Foto zu schießen und ließ das Handy fallen, bevor ich den Auslöser drücken konnte.

Mit einem satten „Klonk“ landete es etwa 1,5 Meter tiefer bei den Nachbarn auf dem Balkondach. Ich sah ihm nach, mit Tränen in den Augen und wunderte mich einmal mehr, dass ich bis zu meinem 34. Lebensjahr überlebt hatte, ohne mich versehentlich ernsthaft zu verletzen. Ich habe mir noch nie in meinem Leben etwas gebrochen! Aber ich bin zu doof ein Handy zu halten? Irgendwie scheint mein Superbrain den Unterschied zwischen „Lebenswichtig“ und „Lebensbereichernd“ genau zu kennen.

Mein erster Impuls war mich ins Bett zu legen, um nicht noch was schlimmeres anzustellen. Mein zweiter Impuls war mit dem Denken wieder anzufangen, was ich dann auch tat. Ich bin vielleicht manchmal zu dämlich, um Verantwortung für meine Taten zu übernehmen, aber ich bin hervorragend im Probleme lösen.

Ich überlegte mir, dass das Handy entweder weiter nach unten oder wieder nach oben musste. Wie es allerdings nach oben gelangen sollte, war mir nicht klar. Nach unten konnte ich es mit einem Besenstiel oder ähnlichem schieben. Und dann sollten es die Nachbarn, zum Beispiel mit einem über die Balkonbrüstung gehaltenen Eimer, auffangen. Leider öffnete niemand auf mein Klingeln. Warten bis sie nach Haus kämen wollte ich aber auch nicht. Mein Handy hat eine Spiderman-App (Display gesplittert, weil es aus 15cm Höhe auf eine Betonplatte fiel…) und das Dach war feucht vom Regen. Was also tun? Überraschend schnell fiel mir etwas ein.

Ich nahm Panzertape und umwickelte damit den Fuß eines Wischers. Das Klebeband verwendete ich aber sozusagen linksrum, die Klebefläche außen. Ich hatte also praktisch einen Fliegenfänger am Stiel gebastelt.

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Mit diesem Werkzeug kletterte ich wieder auf die Arbeitsfläche und angelte erfolgreich nach meinem Handy. Es blieb sofort kleben. Leider klebte die Angel dann auch an den Wäscheleinen, die vor unserem Fenster gespannt sind und bei dem Versuch sie zu befreien, fiel das Handy wieder „Klonk“ auf das Dach…zum Glück auf das Dach. Ich war echt nassgeschwitzt. Beim zweiten Versuch kam ich mir vor wie Homer Simpson…vorsichtig, vorsichtig, vorsichtig…hab dich!

 

Was soll ich sagen.  Am Ende konnte ich mein Handy und den Tag retten. Der Rollwagen ist immer noch nicht aufgebaut. Ein paar Leute, die ich sehr liebe, konnten herzlich über mich lachen.

Alles ist gut. Leben ist schön 😀

Linienfahrt (Ausgegraben vom August 2015)

Durch die regennassen Fensterscheiben des Linienbusses sehe ich sie schon von weitem. Es sind mindestens 20, vielleicht 30 Menschen, die sich da vorne um den Haltestellen-Unterstand drängen. Es ist Sonntag Mittag und sie sehen entspannt und gut gelaunt aus in ihrer tadellosen Kleidung, so als wären sie auf einem gemeinsamen Ausflug. Eines der Kinder trägt einen knallroten Regenschirm mit weißen Punkten, über den Kinderwagen ist ein Plastik-Regenschutz gespannt. Die Frauen tragen lockere Kopftücher, am Hals eines jungen Mannes baumelt ein hölzernes Kreuz. Wenn sie Kameras bei sich hätten, wenn ich nicht wüsste, dass ganz in der Nähe die sogenannte „GU“ ist, die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, man könnte fast meinen, sie seien eine Gruppe von Touristen.

Unsere GU ist berühmt berüchtigt. Vor wenigen Jahren hat sich dort ein junger Mann erhängt. Er hat seine Situation nicht mehr ertragen. Sein Asylverfahren hatte sich über Jahre hingezogen. So lange konnte er in Deutschland keine Arbeit aufnehmen, durfte den Regierungsbezirk nicht verlassen und musste sich ein Zimmer mit vier weiteren Menschen teilen, die er sich nicht hatte aussuchen dürfen.

Ich freue mich diese Menschen zu sehen. Ich weiß, wie viele Asylbewerber in diesem Jahr nach Deutschland kommen. Erst vor zwei Tagen habe ich gelesen, dass in einem Stadtteil unseres Ortes jetzt ein Zeltlager errichtet wird. Ich selbst arbeite in einer Sprachschule, die davon lebt Menschen die Deutsch beizubringen. Es gibt auch ein paar Geflüchtete bei uns, doch von dem großen Ansturm habe ich bisher nur gelesen.

Der Bus hält und als erstes steigt eine Frau ein. „Pah sagt sie,“ mit wütendem Gesicht, „da muss man sich ja schämen, mit so einem Pack in einen Bus einzusteigen.“

Ich spüre, wie mir heiß und kalt zugleich wird. „Ja,“ stimme ich der Frau zu, die hastig in den hinteren Teil des Busses eilt, „man muss sich schämen, mit jemandem im Bus zu sitzen, der sich so äußert.“ Ich weiß nicht, ob sie mich verstanden hat, sie antwortet nicht. Von den anderen Fahrgästen höre ich zustimmende Laute, ich weiß aber nicht, wem sie zugestimmt haben. Mir, möchte ich glauben. Muss ich glauben. Ich denke nicht, dass ich genug gesagt habe, aber ich bringe es nicht über mich, nach hinten zu gehen, um mit dieser Person zu sprechen. Ich bin fassungslos! Seit wann haben Menschen in diesem Land das Gefühl, sie würden Zustimmung erhalten, wenn sie so etwas von sich geben?

In der Zwischenzeit steigen die Menschen, von denen ich glaube sie kommen aus Eritrea, ein. Die Kinder sind fröhlich und sprechen laut mit ihren Müttern und untereinander. Ihre Sprache ist Deutsch. Anscheinend keine Neuankömmlinge. Neben mich setzt sich das Mädchen mit dem gepunkteten Schirm. Ihr Vater nimmt uns beiden gegenüber im Vierersitz Platz. Das kleine Mädchen legt sich den Schirm in dem Versuch ihn zusammenzufalten auf den Schoß und Wasser tropft auf ihre Hose. Ich möchte nicht nass werden und setze gerade dazu an der Kleinen zu sagen, dass sie bitte den Schirm vom Sitz nehmen soll, da beugt sich der Vater vor und sagt etwas in einer fremden Sprache zu ihr. Sie grinst mich an und nimmt den Schirm herunter. Schmunzelnd bedanke ich mich bei beiden.

Am Bahnhof steigen alle aus. Die große Gruppe zerstreut sich in kleinere Grüppchen. Inzwischen habe ich meinen Schock so weit überwunden, bin aber immer noch so wütend, dass ich gerne doch das Gespräch mit der Frau suchen will. Leider sehe ich ihren roten Haarschopf nirgendwo. Wahrscheinlich ist sie schon früher ausgestiegen. Ich würde gerne glauben, dass ein Gespräch irgendetwas geändert hätte. Aber nein, ich glaube nicht daran. Was bringt einen Menschen dazu, sich so hasserfüllt gegenüber einer ganzen Gruppen Menschen zu äußern, die auf keine Weise unangenehm oder bedrohlich auftreten? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich ist es Angst. Angst, dass diese Menschen, die mit nichts als einem Smartphone und ihrem Leben in dieses Land kommen, etwas abhaben möchten, von unserem Wohlstand. Ein Wohlstand, von dem wir inzwischen ahnen, dass wir ihn nur auf Kosten der Schwächeren erlangen und erhalten konnten.

Eine Entschuldigung für diesen Mangel an Empathie und Schamgefühl ist das aber nicht.