Lücken schließen

Da war diese Beziehung, die ein riesen Loch in mein Leben und mein Herz gerissen hat. Eine Beziehung, so intensiv, dass ich sie jetzt nicht mehr von einer Abhängigkeit unterscheiden könnte.

Als es zu Ende war, wirklich zu Ende, wusste ich zunächst nicht, was ich mit diesem Loch machen sollte.

Wie sollte ich allein je genügen, um das zu heilen, um all das zu sein, was wir zusammen gewesen waren, um all das nicht zu fürchten, was er aus mir gemacht hatte, um zu werden, wen ich dank ihm zum ersten Mal in mir gesehen hatte?

Ich habe es geschafft. Allein und doch nicht allein. Ich habe geschrieben und geweint, geredet und geschrien, bin gestürzt und auf allen Vieren weiter gekrochen, bis ich wieder aufstehen konnte.

Ich habe die Augen verschlossen, vor der Wahrheit, bis ich genug Mut hatte, mich ihr zu stellen. Und dann bin ich hin gegangen, zu dieser Wahrheit und es fing alles von vorne an.

So sieht die Wahrheit aus, ungeschmückt, ungeschminkt und nicht relativiert:

Wir waren abhängig voneinander.

Ich bin jetzt eine, die von ihrem Partner geschlagen wurde.

Du bist jetzt einer, der seine Partnerin geschlagen hat.

Ich habe gestritten, relativiert, beschönigt, umformuliert, erklärt. Und alles war wahr. Doch die nackte Wahrheit schmerzt noch immer.

Ich bin eine Frau, die geschlagen wurde und dennoch an der Beziehung festhielt.

Als ich mich dieser Wahrheit stellen konnte und die Narbe, die ich im Spiegel sah, dieser Wahrheit zuordnen konnte, war ich nicht auf den Schmerz gefasst, der damit zurück kam. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich es nie wirklich zugegeben hatte. Doch dann begann das Loch sich zu schließen.

Fast wie von alleine. Und es kehrte Ruhe ein, in meine Mitte.

Jetzt ist da ein neuer Mann. Obwohl ich nach ihm gesucht hatte, bin ich fürchterlich erschrocken, als ich ihn gefunden habe. Ich hatte geglaubt, der nächste würde ein Lückenbüßer sein, einer der für die Fehler des anderen bezahlt, indem er mein Herz nicht gewinnen kann, weil ich mich nicht traue es zu öffnen.

Doch diesmal ist es anders. Dieser hier ist anders. Alles ist so selbstverständlich, so einfach und widerstandslos, so schön, dass mir am Anfang einfach nur schwindelig war.

Zuerst kam er mit Ruhe und Wärme in mein Leben, doch der Sturm folgte auf dem Fuß und riss mich mit. Alles ist unvertraut und vertraut zugleich. Und jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich nach etwas suche, das immer noch fehlt. Aber da fehlt nichts. Nichts außer dem Drama, an das ich mich so gewöhnt hatte.

Ich bemühe mich darum, mit der Suche nach dem Ding, dass alles in ein anderes Licht rückt, aufzuhören.

Es ist, wie es ist.

 

 

 

02. Dezember – Tageslaune

Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Es ist Mittwoch und ich sitze am Mittag im Computerraum der Uni und habe ZEIT. Aktuell gibt es zwei Stunden, in denen ich tun oder lassen kann, was ich will.

Wahrscheinlich habe ich irgendetwas Wichtiges vergessen. Der Gedanke lässt mich völlig kalt. So ein Tag hat nur 24 Stunden und irgendwann muss auch mal nix sein. Sollte ich etwas vergessen haben, ist das ein Problem für später, nicht für jetzt.

Jetzt nutze ich die Gelegenheit ein bisschen mehr über Mo Asumang und „Die Arier“ zu erzählen.

Was den Film betrifft will ich gar nicht so sehr ins Detail gehen. Mo Asumang setzt sich auf sehr persönliche und daher äußerst berührende und entlarvende Weise mit dem Thema Rassismus auseinander und fragt dazu:“Wer sind die eigentlich, diese Arier?“ Dafür spricht sie unter Anderem mit Neonazis, einer Holocaust-Überlebenden, Mitgliedern des KuKluxKlan und echten Ariern. All das scheinbar angst- und vorurteilsfrei.

Mich hat der Film tief beeindruckt und ich lege jedem ans Herz, ihn sich anzusehen.

Was ich vielleicht am meisten bewundert habe ist, dass sie niemals wütend wird während sie ihre Fragen stellt. Selbst als Mitläufer einer rechten Demo ihr sagen, dass sie sich mit einer wir ihr nicht unterhalten würden, oder dass sie nach Hause nach Afrika gehen solle, bleibt sie ruhig und stellt einfache, fast schon naiv anmutende Fragen, die die Befragten aber häufig aus der Fassung und in Erklärungsnot bringen.

Ich habe gestern im Kino gefragt: In Anbetracht der Dummheit und der Gewalt, in Anbetracht dessen, wie sehr Menschen durch solche Denk- und Handlungsweisen verletzt werden, wie schaffst du es da so ruhig zu bleiben? Wie macht man es, da nicht wütend zu werden.

Als Antwort auf eine vorher gestellte Frage hatte sie schon gesagt, dass es ihr darum gehe zu verstehen. Wie denken solche Menschen? Woher kommen diese Ideen? Warum glauben sie, was sie glauben? Verstehen – nicht verurteilen.

Auf meine Frage sagte sie, dass es schon genug Wut gäbe. Hass wäre das, was die Rechten schüren wollten. Würde man da mitmachen, bei dem Hass und dem Zorn und der Angst, dann würde man nur dafür sorgen, dass sich das Rad weiterdreht. Es gibt einen Kreislauf, den man nicht mit Energie füttern sollte.

Sie hat es mehrmals mit diesen Worten ausgedrückt: Die versuchen einen Keil zwischen uns (Menschen) zu treiben und wir legen ihnen das Handwerk, indem wir den Keil herausziehen und uns einander annähren.

Die, das sind weniger die rechten Mitläufer. Die sind die Strippenzieher, die diese Ideologie mächtig macht, die die Geld damit verdienen. Die, dass sind die Leute, die andere benutzen und verheizen.

Im Film und ebenfalls in der folgenden Diskussion wurde klar, dass Rassismus auch und vor allem ein Geschäft ist. Deswegen ist auch hier die Frage essentiell: Wem nutzt es und wie?

Ja, natürlich gehört die Wut auch dazu. Natürlich ist es wichtig, dass wir auf die Straße gehen und den Rechten in Gegendemonstrationen gegenüber treten. Ja, zum Nein-Sagen. Nein, ihr repräsentiert uns nicht. Ihr seid nicht unsere Stimme. Nein, wir stimmen nicht zu.

Aber ebenso wichtig ist es, auf Menschen zuzugehen. Vielleicht einfach mal zu fragen: Warum machst du das? Wovor hast du Angst?

Zuhören und nicht direkt urteilen. Offen sein, fragen und nachhaken.

Ich weiß es klingt naiv, aber das ist es nicht. Menschen beeinflussen Menschen. Und letzen Endes ist es wichtig, dass man den Mensch aus der Masse herausnimmt und ihn als Person anspricht. Auf der anderen Seite steht das heraustreten aus der Masse und sich selbst als Mensch zu zeigen.

„Wir“ und „die“ das ist eine gefährliche Rhetorik. Wir sind alle Menschen und unser Menschsein verbindet uns letztlich mehr, als uns unser Anderssein trennt. Wir vergessen das manchmal, weil wir uns so sehr im Recht fühlen und die so offensichtlich unrecht haben. Aber genau dieses Menschsein verbindet uns mit denen, mit den Rechten.

Hier ein Link zum Film: KlickMichIchBinEinVerzaubertesVideo

Hier die Website zum Film: http://www.die-arier.com/film.php

 

Ach Mond, du fahle Jammergestalt

Er und ich und unsere möchtegern Mondphasen. Zunehmen, Kinder planen, abnehmen, Trennung. Unsere Beziehung, so regelmäßig wie nervenzehrend.

Feuer, Wasser

Vollmond, Neumond

Schwerkraft, Gezeiten

So regelmäßig, so banal dann doch nicht.

Heute geht zum zweiten Mal der Vollmond auf, ohne dass sein Gesicht am Horizont erschienen wäre. Keine Gezeiten mehr, aber immer noch die Schwerkraft.

Scheiß auf dich, Mond, auf dich und dein fahles Gesicht. Scheiß auf den Schmutz auf deiner blassen Stirn. Ich kann deine hohlen, beringten Augenhöhlen nicht mehr sehen.

Scheiß auf deine Schwerkraft, das schwache Ziehen im Bereich des Magens, das unverschämte Pulsieren ein gutes Stück weiter unten.

Ich will nicht an dich denken. Deine weißschwammige Romantik kann mich mal.

Du und ich, das ist zu Ende. Aber fertig bin ich damit noch lange nicht.

Der Mond und ich, das renkt sich schon wieder ein. Der Mond macht mich nicht mehr schlaflos, mit seinem deplatzierten Licht, dass nur eine schwächliche Reflektion der Sonne ist.

Um ehrlich zu sein vermisse ich die geisterhaften Nächte, in denen ich barfuß durch taunasse Wiesen wanderte und die Sehnsucht in meinen Gedanken roch nach Fernweh und unerzählten Geschichten.

Ich hab es ausprobiert in der helllichten Nacht im Schneeregen. Ich hab sie gespürt, die Wärme in meinen Gedanken. Meine Gefühle waren so leicht, dass ich dachte ich könnte den Geist des Sommers aus eigener Kraft erschaffen.

Barfuß im Schneeregen schaffte ich etwa hundert Schritte unter dem höhnischen Gelächter des halbverschleierten Mondes. Dann trat mir die nasskalte Realität schmerzhaft auf die Zehen, um mich daran zu erinnern, dass es für alles eine Zeit gibt.

Scheiß auf die milde grinsende milchbleiche Scheibe da oben am Novemberhimmel. Heute ist Winter. Und der Winter dauert so lange er eben dauert.