Kurzkritik: Das Orakel von Skala, Lynn Flewelling

Der Roman ist auch unter „Der verwunschene Zwilling“ zu finden. Leider sind, soweit ich weiß, in Deutschland beide Ausgaben vergriffen und somit nur noch gebraucht zu bekommen.

Inhalt:

Jahrhunderte lang schützten eine göttliche Prophezeiung und eine Blutlinie von Kriegern die Königinnen von Skala – bis König Erius sich unrechtmäßig des Thrones bemächtigt und das Land ins Chaos stürzt. In diesen Wirren wächst Tobin, der Neffe des Königs heran. Was keiner, nicht einmal Tobin selbst ahnt: Er ist die Tochter der rechtmäßigen Königin, durch dunkle Magie in einen Mann verwandelt, bis die Zeit gekommen ist, das ihr zustehende Erbe zu beanspruchen. Nur Tobins Vater, zwei Zauberer und eine alte Hexe wissen von dem Geheimnis. Und nur sie können Tobin vor Erius schützen und das Orakel von Skala erfüllen …

Der Roman war eine Empfehlung von Hermkes Romanboutique. Wenn ich mal nicht weiß, was ich als nächstes lesen möchte wende ich mich jederzeit vertrauensvoll an Hermkes und weiß genau, ich werde nicht enttäuscht. So auch hier.
Titel, Cover und Klappentext ließen mich skeptisch bleiben, doch da hier keine Nieten weiterempfohlen werden ließ ich mich auf die Sache ein. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Das Orakel von Skala ist mitreißend und spannend, also leicht und schnell zu lesen. Allerdings ist der Roman keinesfalls seicht und leicht verdaulich. Die Grundstimmung ist eher düster und hin und wieder wurde mir, als hartgesottenem Horror-Fan, ein Schauer über den Rücken gejagt, ohne das die Autorin jemals offensichtlich oder gar plakativ die Mittel des Horror-Genres anwendete. Als besonders gruselig empfand ich eine Szene, in der die verrückte Mutter der kleinen Protagonistin in ihrem Zimmer sitzt und eine merkwürdige Puppe näht…

Als Leser gerät man, während man die Handlung verfolgt, immer wieder vor das gleiche moralische Dilemma: Wie weit darf man gehen, um einer guten Sache zum Erfolg zu verhelfen? Man kann sich dabei gut in die Figuren hineinversetzen, die vielschichtig sind und deren Handlungen man stets nachvollziehen, wenn auch nicht immer bejahen kann.

Lediglich das abrupte, unemotionale Ende ließ mich etwas unbefriedigt und mit einem leichten Gefühl der Leere zurück. Doch hier mag es sein, dass die Autorin eben das bezweckt hat, denn das Gefühl passt zum Verlauf der Handlung. Nun, vielleicht wird der nächste Band mir diese Frage beantworten, denn das Orakel von Skala ist nur der erste Roman einer Trilogie.

Ich habe den Roman jedenfalls gerne gelesen und würde ihn Fantasy-Freunden ohne Vorbehalt empfehlen.
Das Orakel von Skala bekommt von mir 6 Eulen von 10. (Eine derartig mittelmäßige Wertung bekommt der Roman allerdings nur, weil es bei Romanen einfach immer Raum nach oben gibt.)

I can feel the night beginning….(XI: Spiegel)

„Ich will uns dabei im Spiegel sehen!“

Er sah den Hunger in ihren Augen und ihm wurde schlecht, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte. Dieser eine Blick, das silbrige Glänzen in ihren Augen, hatte ausgereicht, um den Bann zu schwächen unter dem er stand. Er verzog das Gesicht zu etwas, dass wie ein lüsternes Grinsen aussehen sollte und stemmte sich mit zitternden Armen auf die Ellenbogen hoch.

„Mein schöner, schöner Josua“, gurrte sie und er konnte fühlen, wie sein Wille wankte. Er wollte sie, wollte sie noch immer. Wollte spüren, wie sich ihre Lippen wieder um sein Glied schlossen und ihre Zunge ihn feucht und heiß begrüßte. Er wollte, dass sie an ihm lutschte, er wollte sie ficken und es war ihm beinahe egal, dass nicht nur seine Lust ihn verbrennen würde. Das Ding, dass noch immer zwischen seinen Schenkeln kniete und ihn mit unschuldigen blauen Augen ansah, würde ihn leer trinken, wie eine Spinne, die die verflüssigten Eingeweide ihrer Beute aussaugte.
Beinahe, er versuchte Luft in seine verkrampfte Brust zu bekommen, es war ihm nur beinahe egal. Schwerfällig rappelte der Jäger sich auf, stellte sich vor sie hin und streckte beide Hände nach ihr aus.

„Eva“, hauchte er kurzatmig, „komm schon!“

Endlich ergriff sie seine dargebotenen Hände und er zog sie schwungvoll vom Bett in seine Arme. Gott, sie fühlte sich so gut an. Die glatte, kühle Haut ihres Rückens unter seinen Händen ließ ihn schwindeln. Er konnte sich nicht mehr entsinnen, wie man einen Fuß vor den anderen setzte. Eineinhalb Meter lagen vor ihm. Zwei Schritte vom Bett bis zum Spiegel und er konnte sich nicht bewegen. Eineinhalb Meter…und er wusste nicht wie! Er sah auf ihr Gesicht und sie blickte ihn an, mit diesem silbernen Glanz in den Augen…tiefe Brunnen blickten zu ihm auf und labten sich an seiner Lebensenergie. Er fühlte, wie er vor einem Abgrund stand und hinab starrte. Er müsste nichts tun, außer sich selbst loszulassen. Loslassen war so viel einfacher, als sich weiter festzuklammern. Er war so müde.

Josua ließ sich fallen, schwankte, stolperte nach vorne und das war der Moment indem die Nervenknoten in seinem Rückgrat die Regie übernahmen. Der Reflex ließ ihn einen Schritt nach vorne machen und er schreckte aus seiner Trance auf. Er blinzelte. Scheinbar verdutzt musterte ihn der Succubus.

„Josua? Ich bin hier,“ sie versuchte seinen Blick zu fixieren und strich sanft mit ihrer Hand über seine Wange. Erneut begann der Dämon sein teuflisches Lied zu summen. Viel Zeit und Selbstkontrolle blieben ihm nicht mehr.

„Hmh“, er versuchte sie nicht anzusehen. Wenigstens war ihm wieder eingefallen, wie man ging. Hastig setzte er sie vor dem großen Standspiegel ab.

Er schluckte schwer, sah Eva tief in die Augen: „Sieh hin, du bist wunderschön!“ Es war nicht schwer überzeugt zu klingen, denn er meinte was er sagte.

Sie kicherte: „So wie du, mein stattlicher, stattlicher Held.“ Er brauchte nicht erst in den Spiegel zu sehen, um zu wissen, dass das eine Lüge war. Stattdessen zog er sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. Eva begann zu schnurren und wieder schoss ihm das Blut vom Kopf direkt in die Leibesmitte. Er kratzte die letzten Reste seines Willens zusammen, schob sie auf Armeslänge von sich weg und versuchte sie zum Spiegel hin zu drehen, doch Eva fixierte ihn fest mit ihrem Blick. Verdammt, wenn das Miststück wollte, dass er grob wurde sollte sie es so haben! Grob packte er die Frau, drehte eine ihrer Hände auf den Rücken und schob sie vor den Spiegel. Dann fasste er ihren Unterkiefer fest mit der freien Hand und wendet ihr Gesicht in Richtung der glänzenden Glasfläche.

„Sieh hin, Schlampe!“ Er spuckte ihr bei diesen Worten fast ins Gesicht und sie sah endlich hin. Blickte in ihre weit aufgerissenen Augen und stürzte in ihren eigenen Abgrund. Ein Ausdruck dümmlichen Entzückens erblühte auf ihrem Gesicht. Langsam sank sie in die Knie.

„So schön Schwester, so schön, so wunderwunderschön…“ Sie hypnotisierte sich selbst und Josua war wild entschlossen seine einzige Chance zu nutzen. Mit gefühllosen Fingern wühlte er das Amulett aus seinem Hemd und riss es mit einem festen Ruck von seinem Hals. Zum tausendsten Mal betrachtete er das silberne Schmuckstück in seiner Hand. Der ovale Anhänger an der zerrissenen Kette war aus altersschwarzem Silber und etwa so groß wie eine zwei Euro Münze. Auf der Vorderseite war das Metall glatt und lediglich fleckig, wo es oxidiert war, die Rückseite jedoch wurde  blutrot von dutzenden Symbolen unterbrochen, die entfernt an germanische Runen erinnerten.

Er musste den Spiegel zerstören, solange der Succubus noch von seinem eigenen Bild gefangen genommen wurde. Seine hektischer Blick fand auf Anhieb nichts, was ihm dabei helfen konnte. Also biss er die Zähne zusammen, wappnete sich gegen den Schmerz und schlug mit aller Gewalt die Faust gegen die Spiegelfläche. Das Glas zersprang und messerscharfe Scherben und Splitter gingen in einem silbernen Regen über dem Succubus zu Boden und die dunkle, hölzerne Rückwand des Ständers wurde sichtbar. Die Erschütterung des Schlages fuhr dem Jäger wie ein Blitz bis in die Schulter und er konnte einen schmerzerfüllten Aufschrei nicht unterdrücken. Zum Glück hatte er keine Zeit den angerichteten Schaden zu begutachten, denn unter ihm fing Eva an jämmerliche, wortlose Schreie auszustoßen. Sie war in sich zusammen gesackt und wühlte mit blutigen Händen in den Scherben, um ihr eigenes Bild wiederzufinden.

Er packte sie mit seiner unversehrten Hand am Hals, um sie ruhig zu halten, während er mit der anderen das Amulett mit der gravierten Seite nach unten gegen ihre Stirn presste. Er murmelte eine Formel in der Sprache der Hexen, die eine Seele befreien und den Zauber aus dem Amulett lösen sollte. Er hatte noch nie die Chance gehabt einen Succubus zu verbannen und wusste daher nicht, ob er die Worte richtig gewählt und die Silben korrekt betont hatte. Kein helles Licht und kein Glockenläuten kündigte von seinem Erfolg. Die Magie der Wiccan war still und effektiv. Mit einem Seufzen fiel das Mädchen kraftlos nach hinten. Josua selbst hatte weder die Energie noch die Reaktionsgeschwindigkeit, um sie aufzufangen und so schlug ihr Kopf hart auf dem Holzboden auf.

Er zuckte schuldbewusst zusammen. Erschöpft kroch er um sie herum und sah in ihr Gesicht. Am Flattern ihrer Lider konnte er erkennen, dass sie irgendwo zwischen Wachen und Bewusstlosigkeit war. Ziemlich unsanft schlug er ihr auf die Wange: „Eva! Eva hörst du mich? Komm zu dir verdammt!“

Sie öffnete langsam und mühsam die Augen, so als kämpfe sie gegen ein Gewicht an, das sie ihr wieder zu verschließen drohte. Dann sah er ihr in die Augen. Braun, ihre Augen waren braun!

„Eva?“, fragte er sanft. Sie schluckte und ihr Blick fand endlich seinen.

„Ich….oooooh shit!“, sie schlug seine Hände von sich und kroch durch den Scherbenhaufen rückwärts von ihm weg. „Fass mich nicht an!“, fauchte sie.

Beschwichtigend hielt er die Hände mit den Flächen nach außen vor seine Brust, um ihr zu signalisieren, dass er weder bewaffnet war, noch vorhatte sich ihr zu nähern. Sie hockte in einer Ecke zwischen Kommode und Wand und schlang ihre Arme um ihre Knie. ‚Warte‘, wollte er sagen, ‚warte, lass uns reden.‘ Doch er sparte sich die platten Sprüche. Der Zorn kochte heiß in ihm, als er das verängstigte Mädchen ansah, dass mit blutenden Händen und Knien weinend in der Ecke saß.

Erschrocken bemerkte er, dass er noch immer halbnackt vor ihr hockte. Kein Wunder, dass sie wollte dass er ihr fern blieb. Ohne den Blick von Eva abzuwenden, versuchte er die Hose hinter sich auf dem Boden vor dem Bett zu ertasten. Als er sie endlich gefunden hatte und hastig nach ihr griff, schrie er erschrocken auf. Er hatte seine verletzte Hand vergessen! Der Schmerz war so heftig, dass ihm kalter Schweiß ausbrach. Er traute sich kaum hinzusehen. Als er es schließlich doch tat war er überrascht, dass die Hand nicht einmal so schlimm aussah. Natürlich blutete er stark, aber es waren noch alle Finger dran. Die Fingerknöchel waren von der Wucht des Schlages aufgeplatzt und zwischen Ring und Mittelfinger ragte das Ende eines Splitters aus der Haut. Kein Wunder, dass das weh tat! Mit spitzen Fingern zog er das Glasstück aus seiner Hand. Die Scherbe war gut und gerne drei Zentimeter lang. Probehalber machte er vorsichtig eine Faust. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen, doch es ging. Mit etwas Glück war also nichts gebrochen.

Josua atmete einmal tief ein und aus. Er ließ sich auf das Bett fallen, um kurz seine Gedanken zu sortieren. Im Augenblick war er deutlich überfordert. Das Mädchen, die Hand, seine unbedeckte Blöße….er wusste nicht einmal, was davon er zuerst versorgen sollte. Doch diesmal war das Schicksal gnädig zu ihm und nahm ihm die Entscheidung ab. Plötzlich kippte nämlich der Boden auf ihn zu und ein blendendes Licht explodierte in seinem Hinterkopf. Er hatte gerade noch Zeit sich darüber klar zu werden, dass er gerade niedergeschlagen worden war, als er auch schon mit dem Parkett kollidierte und das Licht ausging.

I can feel the night beginning…(X: Festmahl)

Voller Vorfreude näherte sich Lilith der Beute zwischen ihren Laken. Sie ergötzte sich an seiner Willenlosigkeit. Allein sie hatte die Macht mit ihm zu verfahren wie es ihr beliebte. Im Kopf rechnete sie die Wochen zurück, seit sie ihre letzte Mahlzeit genossen hatte. Es musste etwas über einen Monat her sein und lag damit ganz eindeutig schon zu lange zurück! Sie war ausgehungert. Was sie von ihm wollte war nicht etwa sein Blut, sondern seine Lebensenergie, seine Manneskraft, wie man es Ihresgleichen in der Mythologie unterstellte. Dazu musste sie ihn nicht aussaugen, schlichter Körperkontakt würde völlig ausreichend sein. Lilith jedoch war gierig und es gab nichts, was sie mehr liebte als den Geschmack des Blutes ihrer Opfer. Außerdem langweilte sie der Gedanke, sich allein durch Handauflegen zu nähren. Im Geiste sah sie schon jetzt sein verwirrtes Gesicht vor sich, wenn er erwachte und die Wunden an seinem Körper fand. Die Tatsache, dass er sich nicht mehr erinnern konnte mit ihr geschlafen zu haben, würde er vielleicht auf den Alkohol schieben, ebenso wie die Schwäche seiner Glieder. Wobei, er war ein Mann, vielleicht würde er auch glauben er habe eine anstrengende und aufregende Liebesnacht hinter sich. Nun, bis dorthin waren sie leider nicht gemeinsam gelangt. Er hatte vorher schon das Bewusstsein verloren. Sicher, ohne ihr Zutun wäre auch das nicht geschehen. Doch er hatte sie angeödet und sie hatte kein Interesse mehr gehabt weiter mit ihm zu spielen. Sie schmunzelte, als sie sich überlegte, welche Erklärung er sich letztlich für die Bisswunden an seinem Leib zurechtlegen würde.

Sie beugte sich erneut über ihn und schnupperte mit geschärften Sinnen an seinem Leib. Sie konnte noch immer seine Erregung riechen und sie spürte die Wärme seines Blutes, dass unter seiner Haut pulsierte, in ihrem Gesicht. Genussvoll versenkte sie ihre Zähne tief ins weiche, warme Fleisch auf der Innenseite seiner Schenkel. Aus dem Mund des Bewusstlosen drang leise ein protestierendes Keuchen, das sie nicht einmal bemerkte. Sein Blut und seine Lebenskraft strömten, im Rhythmus seines schlagenden Herzens, heiß in ihren Mund. Lilith stöhnte. Das war das wahre Leben. Genau das bedeutete es, ein Raubtier zu sein. Succubus, Nächtliche, Monster. Wenn ihre Nacht begann war sie durch einen unüberwindbaren Graben getrennt von Allen die lebten. Und doch strömte genau dieses Leben Aller eben jetzt aus seiner Wunde in sie hinein. Oh, wie sie diesen Augenblick genoss! Wie sie sein Blut liebte, dass nun durch ihre Adern pulsierte und sie wärmte.!Lilith schmeckte den Alkohol, den er zu sich genommen hatte, doch sie störte sich nicht daran. Sie würde höchstens eine Weile berauscht sein und das war ihr sehr willkommen. Dies war ihre einzige Möglichkeit in den Genuss dieses all zu menschlichen Zustandes zu kommen. Lilith selber trank und aß nicht. Manchmal tat sie so als ob und Vieles schmeckte ihr sogar. Aber ihr Körper konnte normale Nahrung nicht verarbeiten und sie schied alles was sie aß so wieder aus, wie sie es zu sich genommen hatte. Stoffe, die in menschlichem Blut gelöst waren, bildeten die einzige Ausnahme.

Ihr war offensichtlich entgangen wie hungrig sie tatsächlich gewesen war. Und so trank sie von ihm und trank und trank, bis ihr Magen voll war und selbst dann hörte sie noch nicht auf. Bis die Quelle ihres Genusses zu versiegen drohte und das stetige Schlagen seines Herzens, das sie mit ihrer Zunge an der Ader erspürte, langsamer wurde. Erst als sein Herz aussetzte und dann unregelmäßig weiterschlug war Lilith klar, was sie gerade im Begriff war zu tun. Mühsam riss sie sich von ihm los und sprang auf die Beine. Alles drehte sich. Sie hatte sich übernommen. Ein dünnes Rinnsal Blut floss über seine Schenkel in ihre helle Bettwäsche. Lilith wurde schlecht. Sie eilte ins Bad und übergab sich in die Toilette. Schwarzes Blut füllte das Keramikbecken und ihr schlug der typische, metallisch-süße Geruch entgegen. Schwankend eilte sie zurück in ihr Schlafzimmer, wo der Fremde ihr Bett beschmutzte nicht nur mit Blut beschmutzte. Sie nahm sich zusammen und leckte über die Risse in seiner Haut, aus denen sein Lebenssaft nur noch langsam tröpfelte. Sofort versiegte auch dieser letzte Blutfluss. Der Speichel eines Succubus hatte vielleicht keine heilenden Kräfte, doch er sorgte dafür, dass die Wundränder sich augenblicklich schlossen als wären sie miteinander verklebt worden.

Lilith fühlte nach seinem Puls und erschrak darüber, dass sich seine Haut schon kühl und feucht anfühlte. Still verfluchte sie ihre Unbeherrschtheit. Der Mann würde sterben, es war nur noch eine Frage der Zeit. Entgegen landläufiger Behauptungen entsprach es nicht der üblichen Vorgehensweise eines Succubus, sein Opfer zu töten. Wozu auch? Wenn man eine Quelle erst erschlossen hatte war es günstig hin und wieder zu ihr zurückzukehren. Besonders angenehm war es, diese „Futterstellen“ dann dazu zu bringen sich mit Drogen oder Alkohol zu betäuben und so hin und wieder einen Rausch aus erster Hand zu erleben. Darüber hinaus war ein Mensch zwar ein amüsantes Spielzeug, aber es war nicht so, dass ihr ein menschliches Leben gar nichts bedeutete. Sie hatte leider eine Seele und ein Gewissen, welches sie schon jetzt plagte. Sie bedauerte seinen bevorstehenden Tod zumindest ein bisschen. Mal abgesehen von den Unannehmlichkeiten, die nun auf sie zukamen. Wohin mit der Leiche? In einer Mitteleuropäischen Stadt verschwand ein Mensch nicht einfach so von der Bildfläche, ohne das es jemandem auffiel. Und Tote wurden meist doch irgendwann gefunden. Sie musste sich seiner entledigen, solange er noch lebte. Lilith hatte bereits eine Idee wie sie dies anstellen würde, doch sie wusste auch, dass sie sich beeilen musste. Sein Atem wurde flach und langsam und der Succubus war sich im Klaren, dass er diesen Mann bereits getötet hatte.

Sie holte eine Bierflasche aus der Küche, kleidete den Fremden namens Robert an und hob ihn vom Bett auf, dann nahm sie den üblichen Ausgang durch das Fenster und machte sich eilends auf dem Weg zum nahegelegenen Fluss. Mit übermenschlicher Geschwindigkeit eilte sie einige Kilometer flussaufwärts, wobei sie sich zwischen den Büschen und sonstigem Gestrüpp direkt am Flussufer verbarg, um nicht entdeckt zu werden. Als sie glaubte weit genug von ihrer Wohnung entfernt zu sein legte sie ihr Opfer ab und machte sich an ihr blutiges Werk. An einem Stein, der direkt an der Wasserlinie lag schlug sie den Boden der Flasche ab, so dass sich ein gezackter Rand ergab. Ohne zu zögern zerschnitt sie ihm die rechte Hand mit dem scharfkantigen Glas und rammte ihm daraufhin die Flasche in den Oberschenkel. Genau dorthin, wo sie ihn gebissen hatte. Sie wollte, dass es aussah als sei er in eine zerbrochene Flasche gestürzt und dann in den Fluss gefallen, wo er verblutete und ertrank zugleich. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich keinerlei Bedauern ab, als sie den Kopf des Sterbenden unter Wasser drückte und darauf wartete, dass er einatmete. Sie wollte, dass sich seine Lungen mit Wasser füllten, damit er nicht mit luftgefüllter Brust an der Oberfläche treiben würde. Schließlich nahm sie ihn noch einmal die Arme, doch nur um ihn weit von sich in den Fluss zu schleudern.

Sie wusste schon jetzt, wo der Mann gefunden werden würde, nämlich an eine Schleuse etwa 10 Kilometer unterhalb ihrer Stadt. Spätestens dort tauchten sie alle wieder auf, die Selbstmörder, die Opfer und die Ungeschickten. Lilith hoffte lediglich, dass es eine ganze Weile dauern und der Fluss alle Spuren von seinem Leib waschen würde, die ihn mit ihr in Verbindung bringen konnten.