Fragment meiner Gedanken in viel zu vielen Worten (VI. Fallendienstag)

Jetzt mal Tacheles:

Valentinstag ist Mist. Daher wurde dieses Jahr auch die Aktion „Wir scheißen auf Valentinstag“ vom letzten Jahr wiederholt. Fotos folgen. Nur so viel: Meine Ratten haben sich über rot-beherztes Toilettenpapier mit Kirschduft gefreut.

Jedoch wurden mir gestern ein bisschen die Augen geöffnet und ich reihe mich jetzt mal in die Reihe der „Leute-die-eine-Meinung-zu-Valentinstag-haben-und-diese-teilen-müssen“ ein.

Also von vorne. Valentinstag ist Mist. Einfach deshalb, weil es mir persönlich widerstrebt, meine Lieben an einem bestimmten Tag mit Zuneigung und Konsumgütern zu überhäufen und damit dann für den Rest des Jahres aus dem Schneider zu sein.

Es ist nicht einfach deshalb Mist, weil man da romantische Geschenke macht und Blumen überreicht. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Ich finde es nur traurig, dass es anscheinend wirklich einen Tag braucht, an dem wir daran erinnert werden, wie sehr wir die Menschen lieben, mit denen wir unser Leben teilen. (Vielleicht hört man den Tenor heraus: Ich spreche nicht ausschließlich von sexuellen Beziehungen.) Wir lieben uns doch jeden Tag, nicht nur am Valentinstag. Warum ist es denn so schwer, sich das einfach mal, ohne besondere Veranlassung, zu zeigen. Im Alltag, an einem Tagwiealleanderen?

Ich freue mich wahnsinnig, wenn ich meinen Freunden kleine Geschenke machen kann und sehe, wie sie sich darüber freuen.

Ich freue mich auf jeden Sonntag morgen, den ich mit meinen Mitbewohnern beim ausgedehnten Frühstück verbringen darf.

Ich habe mich über die Weihnachtskarte gefreut, die ich von der Mutter meines Exfreundes erhalten habe, obwohl ich gar nicht wusste, dass sie noch an mich denkt.

Ich habe mich gefreut, als K. gestern doch noch zu Besuch kam, obwohl ich gar nicht mit ihm gerechnet hatte. Ich habe mich nicht gefreut, weil mich am Valentinstag ein Mensch in den Armen hielt, der mir wichtig ist. Ich habe mich gefreut, weil er da war, ganz nah bei mir, an einem Tagwiejederandere. An einem Dienstag, Fallendienstag, weil ich mich bei ihm immer so schön fallen lassen kann 🙂

An einem Valentinstag alleine zu sein ist scheiße. Es ist scheiße, weil uns von allen Seiten gezeigt wird, wie schön es ist NICHT alleine zu sein. Es ist scheiße, weil das einer der Tage ist, wo es mir schwer fällt zu lächeln und zu sagen: Was solls, dann bin ich Single. Mein Leben ist auch so schön. Für mich ist das Leben mit einem Partner sehr viel schöner als ohne.

Der Denkanstoß gestern kam von K.: Die Leute, die an solchen Tagen schreiben, wie egal es ihnen doch ist, am Valentinstag allein zu sein, beweisen damit nur, dass es ihnen eben NICHT egal ist.

Hier ist ein weiterer Grund, warum ich Valentinstage scheiße finde:

Überall, wirklich überall wirst du darauf hingewiesen, wie wichtig es ist einen Partner, Freund, Geliebten oder Ehemann zu haben. Für Menschen, die alleine sind, nicht weil sie es so wollen, sondern weil es aus irgendwelchen Gründen nun mal so ist, ist das quälend. Dabei vergisst man leicht, dass es meistens besser ist aus den richtigen Gründen alleine zu sein, als aus den falschen Gründen mit jemandem zusammen.

Warum Valentinstag scheiße ist?

Es ist so leicht mit ganz kleinen Gesten an die Menschen zu denken, die uns nahe stehen. Mit einem Anruf, mit einem schön gedeckten Tisch, mit einer Einladung zum Kaffee, herrje, die C. freute sich riesig, als ich mich neulich mit einer Kanne Tee und einem romantischen Film bei ihr im Zimmer einquartierte. Und meistens reicht es ja schon den anderen Menschen kurz wissen zu lassen, dass man an ihn denkt, um ihm eine Freude zu machen.

Wer hat denn bitteschön bestimmt, dass man seine Zuneigung am besten am 14. Februar mit Blumen, Karten, Schokolade oder Schmuck zeigt?

Schwachsinn!

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Im schwarzen Wald fallen meine Gedanken

…wie Dominosteine.

Letzte Woche war ich weg. Aber ich habs schon mal gesagt: Das ist nicht so schlimm. Wenn ich nicht hier bin, bin ich anderswo.

Diesmal war ich im Schwarzwald. Im Rollenspiel. In der Wärme meiner Herde. Im kalten, blauen Schnee. In der Stille der Wälder.

Das hier war mein erster richtiger Urlaub seit etwa 10 Jahren. Und mein zweiter richtiger Urlaub überhaupt (seit meiner Volljährigkeit).

Bis dato hatte ich immer geglaubt ich verpasse was. Ich war ja noch nirgendwo. Nicht wirklich im Ausland und überhaupt. Ich dachte ich muss nach Afrika, auf die Malediven, ich muss Australien sehen oder in Indien Tee trinken.

Vielleicht möchte ich das. Irgendwann. Denn gerade bin ich so glücklich mit meinem kleinen Schwarzwalderlebnis, dass es mich trifft wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Ich MUSS gar nirgendwohin. Ich muss eigentlich gar nix.

Es wird Zeit mal loszulassen. Mich gehen zu lassen. Aufzuhören zu versuchen. Nicht mehr danach suchen. Einfach mal sein.

Ich hab nix zu verlieren außer Zeit.

Und was macht die Zeit erst so wertvoll? Dass ich da bin. Dass ich dabei bin. Dass ich ganz bin.

Ich hab immer gewartet, dass was passiert. Hab vorangetrieben. War frustriert und müde, wenn nix passierte. Hatte ne Heidenangst, wenn ich die Kontrolle mal nicht hatte.

Verlor die Geduld mit mir und der Welt.

Wurde älter. Hatte mit Anfang 20 schon Torschlusspanik. Mit Mitte 20 Angst vor dem Altwerden. Und jetzt mit Ende 20 denke ich das Leben rauscht an mir vorbei und die Möglichkeiten werden rar und rarer. Mit Ende 20! Ich bin jung. Ich bin ein Kind. Ich bin immer genau so alt wie ich mich fühle. Und diese Frau in den mittleren Jahren am Rande einer Midlife-Crisis: Die bin ich ganz gewiss nicht.

So und da saß ich mit meinen Rollenspielfreunden in der ollen Ferienwohnung und jede Nacht war viel zu lang und seine Nähe war viel zu nah und nie nah genug.

Und plötzlich waren sechs Tage und Nächte vorbei und ich hatte es nicht gespürt. Nicht mal Angst vor dem Ende hatte ich gehabt. Denn ich war einfach da gewesen. Jede Minute hab ich mitgemacht. Und ich habe es geliebt.

Meine Menschen, meine Berge, mein Schnee.

Keine Blicke durch den Sucher der Kamera, die mich die Realität verpassen lassen.

Keine Gedanken der Bloggerin, die mich an den Rand der Situation stellen.

Aufatmen war das.

Dabei redeten wir eigentlich nie über uns. Über das was uns bewegt, was uns prägt und zu denen macht die wir sind.  Das verwirrte mich. Denn das ist die Art, wie ich die Dinge begreife. Ich forme die Welt in Worten. Akzeptanz ist ein Tanz den ich noch nicht beherrsche.

Ich hab mich bemüht. Und ich war da. Reden und komfortabel schweigen. Essen, kochen, aufräumen. Spielen. Blödeln. Jetzt sein. Hier sein. Schön war das. Warm und einfach.

Natürlich kam die Angst.

Schon im Auto auf dem Heimweg. Noch während es endete begann ich es zu vermissen. Und ich wusste: Es muss was mit mir passieren.

Neulich, als mir der quer kam, der in meinem Kühlschrank  herumgewühlt hat, da hatte ich das bemerkt.

Ich hatte festgestellt ich hab ein bisschen Ichsein, ein bisschen Mensch, verloren im letzten Jahr.

Ich will wieder mehr Freude an mich heranlassen. Ich will mich nicht mehr stressen. Will nicht mehr filtern. Ich muss nicht mehr lernen, nicht mehr werden. Ich weiß wer ich bin und was mir Freude bereitet und ich darf mich jetzt auch mal entspannen und sehen was passiert, wenn ich mich nach vorne treiben lasse.

Auf gut Deutsch: Der Stress auf der Arbeit ist der Stress auf der Arbeit. Mehr nicht.

Und wenn ich durch die Stadt gehe, dann gehe ich als wäre ich allein. Hüpfend und tänzelnd oder finster mit auf den Boden gerichteten Blick. Und wenn ich Musik höre, dann höre ich was ich will, auch wenn das so „depressiver Scheiß“ ist. Und wenn ich am Samstag auf diese eine Party gehe, dann werde ich tanzen.

Ich will mich nicht mehr von außen sehen. Ich will die Kontrolle verlieren und bin neugierig, was dann passiert und wie das aussieht von hier drin.

Nachtrag zum Ende von Weihnachten: 18 lustige Wichtel auf dem Weihnachtsmarkt

An sich war das eine super Idee. Wir fahren mit unseren Teilnehmern auf einen der bekanntesten Weihnachtsmärkte Deutschlands.

Wir haben da eine Gruppe junger, integrationswilliger Migranten und mit denen machen wir mal was ganz traditionelles. Natürlich kann man niemandem verkaufen, dass so ein feuchtfröhlicher Ausflug der Identifikation mit unserer Kultur alleine dient. Also muss passend dazu noch ein Kurs her. „Weihnachten in Deutschland“ 5 Unterrichtseinheiten Kurs inklusive Gruppenarbeit und Workshop. Es stellte sich heraus, dass es zu Weihnachtstraditionen in Deutschland eine ganze Menge zu erzählen gibt. Die Teilnehmer waren auch ausgesprochen motiviert bei der Sache.

Vormittags paukten sie im Sprachkurs und am Nachmittag besuchten sie den „Weihnachtskurs“.

Meine Kollegin meinte: „Das ist ganz schön viel für die. Das ist wirklich anstrengend.“ Eben, weil es da ja so viel zu wissen gibt. Vom Adventskalender über den Lebkuchen, den Tannenbaum und den Schwibbogen  bis hin zum weihnachtlichen Liedgut. Und dann noch die Unterscheidung zwischen religiöser Überzeugung und gelebter Tradition.  Oder kann mir einer in einfachen Worten erklären, warum das Christkind, dass ja genau genommen das kleine Jesuskind ist, welches in der Heiligen Nacht geboren wurde, auf den Bildern und den Weihnachtsmärkten von einem jungen, unschuldigen Mädchen mit Engelsflügeln und goldenem Heiligenschein dargestellt wird. Ganz ehrlich, die Verbindung habe ich als Kind auch nicht hergestellt.

Also gab es den ersten Weihnachtskurs von dem ich je hörte. Die Tafel wurde mehrmals beschriftet und wieder abgewischt,  es wurde gesungen, es gab Christstollen und am letzten Tag wurde sogar Räucherwerk angezündet.

Und schließlich zogen wir auf den Weihnachtsmarkt.

Man muss wissen, ich bin in organisatorischen Dingen eher mittelmäßig bewandert. Ich weiß wohl theoretisch, worauf es ankommt. Ich versuche auch immer an alles zu denken. Aber dank meines natürlichen Verwirrungszustandes vergesse ich auch immer irgendetwas.

Diesmal jedoch war das ganz anders! Ich hatte an alles gedacht. Ich hatte den Reiseplan ausgedruckt und die Zeitplanung stand inklusiver einberechneter Zeitpuffer. Es konnte nichts schiefgehen, aber auch gar….ja, Murphys Law hatte ich nicht bedacht. Es kann immer etwas schief gehen. Und es wird natürlich auch schief gehen.

Ich hatte nämlich nicht bedacht, dass es viel schwieriger ist eine Gruppe von 18 Erwachsenen zu kontrollieren als eine Gruppe von ebenso vielen Kindern. Als ich, 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ankam war die Gruppe schon beinahe vollständig.

„Gut“, dachte ich, „klappt ja wie geschmiert. Also eben kurz durchgezählt: 1,2,4,6,8…ähm wo ist denn Z., die war doch eben noch da…ah da drüben, nochmal von vorne…2,4,6,8,10…hm, war M. auch gerade eben schon da? Und wo ist denn jetzt C. hin, der stand doch noch…“

Langer Rede kurzer Sinn: Das Zählen allein dauerte etwa 10 Minuten. Daraufhin ging ich die Tickets kaufen, das dauerte wieder 10 Minuten, denn der Fahrkarten-Automat weigerte sich, meine Geldscheine anzunehmen. Also tauschte ich jeden Schein am Schalter erst mal um. Dann klappte das auch…mit ein bisschen Aggression und farbenfroher Beschreibung des Kassenautomaten.  Als ich wieder zu der Gruppe zurückkam fehlten 5 Leute und 2 waren dazugekommen.

Ich dachte ich werde verrückt und wollte mir schon die Haare raufen.  Einer stand draußen und rauchte. Eine war im Blumenladen, drei kauften Kaffee. Meine Kollegin, die Lehrerin des „Weihnachtskurses“ wohlgemerkt, fühlte sich irgendwie nicht so recht verantwortlich. Nach erneutem Durchzählen waren wir uns schließlich auch sicher, dass die Sache mit den Bayerntickets aufgehen würde und liefen los. Meine Kollegin und eine kleine Gruppe gingen voran und ich kam hinterher, mit dem ganzen Rest. Ich fühlte mich wie ein Hirtenhund. Ständig blieb jemand zurück oder wollte „nur eben kurz was schauen“. Ich war kurz davor sie anzubellen.

Am Bahnsteig angekommen hatten wir noch eine Minute bis zur Abfahrt des Zuges. Meine Kollegin und ihr Teil der Herde waren verschwunden. Die waren bereits eingestiegen. Also machten wir, dass wir auch in den Zug kamen. Drin fiel mir auf, dass der Zug aus zwei Teilen bestand und man zwischen diesen nicht wechseln konnte. Ich rief die Kollegin an und fragte sie, wo sie sei und was los wäre.

„Schon eingestiegen“, war die Antwort, “ der Zug wäre ja fast ohne uns gefahren, ihr wart zu langsam.“

„ Aha“, meinte ich, „und wenn wir nicht dabei gewesen wären wärt ihr ohne uns gefahren?“

„ Tja“, sagte sie nur. Und dann meinte sie, dass sie zu 6. Wären. Bayernticket hatten sie aber nur eins. Okeee…wozu hatte ich nochmal zuvor die Gruppe in Grüppchen aufgeteilt? Jedes Grüppchen sollte jeweils zusammen bleiben und füreinander die Verantwortung tragen, damit immer 5 zusammen mit einem Bayernticket fahren konnten. Ich kam mir schon ein bisschen blöd vor, als ich das tat. Es waren ja alles Erwachsene…tjaja.

Natürlich ließ der freundliche Zugbegleiter mit sich reden, als wir ihm die Situation schilderten. Auch wenn es ein bisschen dauerte, bis er verstand was ich versuchte ihm zu erklären und wie viele Leute wir nun wirklich waren.

Wir kamen in Nürnberg an. Wirklich und wahrhaftig und alle zusammen. Dann ging es natürlich weiter? Wo müssen wir hin? Wo ist der Eingang zur U-Bahn? 2 Leute müssen jetzt aber aufs Klo.

„Wie aufs Klo? Warum sind sie nicht gerade im Zug gegangen?“

„Sie wollten nicht auf das Zug Klo…“

Ruhig bleiben, jetzt einfach ruhig bleiben. Klo…gibt es nicht. Zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

„Wir gehen zur U-Bahn. Wir gehen. Wir gehen! Hallo? Wir gehen…in…diese Richtung!“

Meine Kollegin lief los mit etwa 6 von 18 Leuten im Schlepptau. Ein paar gruppierten sich um mich. Ein paar starrten blicklos ins Leere. Ein paar machten Fotos. Ich blieb total ruhig. Und dann wurde ich laut:

„ Move, Bewegung, Dawai, Andale, Losloslos!“

…nix.

Ich habe ein Problem: Ich bin nicht der autoritäre Typ und ich hasse es eine Führungsrolle übernehmen zu müssen in einer solchen Situation.

Kollegin 1 stand an der Rolltreppe und sah mich vorwurfsvoll an: „Kommt ihr nicht?“

Kollegin 2 erklärte den russischen Damen, dass es jetzt hier keine Toilette gab. Ich ließ die Arme hängen: „Die bewegen sich einfach nicht…Pass auf, ihr geht einfach los, ich treibe die jetzt von hinten wie ein Schäferhund.“

Und das tat ich dann auch. Ich ging an der Gruppe entlang und trieb sie wie Schafe, bellend und immer im Kreis um sie herumlaufen. Los, hier lang, Treppe runter, wir müssen unsere Bahn bekommen….

Letztlich schafften wir es zum Markt. Als wir an einer Hütte anhielten, um Glühwein auszugeben war die erste Frage an den Schankwirt von einer türkischen Teilnehmerin, wo denn der nächste Dönerstand wäre.

Ich konnte mein Glück nicht fassen.

Glaubt es oder nicht: Wir kamen ohne Verluste nach Würzburg zurück, ich brachte niemanden um und ehrlich gesagt habe ich die ganze Fahrt doch sehr genossen.