I can feel the night beginning…(X: Festmahl)

Voller Vorfreude näherte sich Lilith der Beute zwischen ihren Laken. Sie ergötzte sich an seiner Willenlosigkeit. Allein sie hatte die Macht mit ihm zu verfahren wie es ihr beliebte. Im Kopf rechnete sie die Wochen zurück, seit sie ihre letzte Mahlzeit genossen hatte. Es musste etwas über einen Monat her sein und lag damit ganz eindeutig schon zu lange zurück! Sie war ausgehungert. Was sie von ihm wollte war nicht etwa sein Blut, sondern seine Lebensenergie, seine Manneskraft, wie man es Ihresgleichen in der Mythologie unterstellte. Dazu musste sie ihn nicht aussaugen, schlichter Körperkontakt würde völlig ausreichend sein. Lilith jedoch war gierig und es gab nichts, was sie mehr liebte als den Geschmack des Blutes ihrer Opfer. Außerdem langweilte sie der Gedanke, sich allein durch Handauflegen zu nähren. Im Geiste sah sie schon jetzt sein verwirrtes Gesicht vor sich, wenn er erwachte und die Wunden an seinem Körper fand. Die Tatsache, dass er sich nicht mehr erinnern konnte mit ihr geschlafen zu haben, würde er vielleicht auf den Alkohol schieben, ebenso wie die Schwäche seiner Glieder. Wobei, er war ein Mann, vielleicht würde er auch glauben er habe eine anstrengende und aufregende Liebesnacht hinter sich. Nun, bis dorthin waren sie leider nicht gemeinsam gelangt. Er hatte vorher schon das Bewusstsein verloren. Sicher, ohne ihr Zutun wäre auch das nicht geschehen. Doch er hatte sie angeödet und sie hatte kein Interesse mehr gehabt weiter mit ihm zu spielen. Sie schmunzelte, als sie sich überlegte, welche Erklärung er sich letztlich für die Bisswunden an seinem Leib zurechtlegen würde.

Sie beugte sich erneut über ihn und schnupperte mit geschärften Sinnen an seinem Leib. Sie konnte noch immer seine Erregung riechen und sie spürte die Wärme seines Blutes, dass unter seiner Haut pulsierte, in ihrem Gesicht. Genussvoll versenkte sie ihre Zähne tief ins weiche, warme Fleisch auf der Innenseite seiner Schenkel. Aus dem Mund des Bewusstlosen drang leise ein protestierendes Keuchen, das sie nicht einmal bemerkte. Sein Blut und seine Lebenskraft strömten, im Rhythmus seines schlagenden Herzens, heiß in ihren Mund. Lilith stöhnte. Das war das wahre Leben. Genau das bedeutete es, ein Raubtier zu sein. Succubus, Nächtliche, Monster. Wenn ihre Nacht begann war sie durch einen unüberwindbaren Graben getrennt von Allen die lebten. Und doch strömte genau dieses Leben Aller eben jetzt aus seiner Wunde in sie hinein. Oh, wie sie diesen Augenblick genoss! Wie sie sein Blut liebte, dass nun durch ihre Adern pulsierte und sie wärmte.!Lilith schmeckte den Alkohol, den er zu sich genommen hatte, doch sie störte sich nicht daran. Sie würde höchstens eine Weile berauscht sein und das war ihr sehr willkommen. Dies war ihre einzige Möglichkeit in den Genuss dieses all zu menschlichen Zustandes zu kommen. Lilith selber trank und aß nicht. Manchmal tat sie so als ob und Vieles schmeckte ihr sogar. Aber ihr Körper konnte normale Nahrung nicht verarbeiten und sie schied alles was sie aß so wieder aus, wie sie es zu sich genommen hatte. Stoffe, die in menschlichem Blut gelöst waren, bildeten die einzige Ausnahme.

Ihr war offensichtlich entgangen wie hungrig sie tatsächlich gewesen war. Und so trank sie von ihm und trank und trank, bis ihr Magen voll war und selbst dann hörte sie noch nicht auf. Bis die Quelle ihres Genusses zu versiegen drohte und das stetige Schlagen seines Herzens, das sie mit ihrer Zunge an der Ader erspürte, langsamer wurde. Erst als sein Herz aussetzte und dann unregelmäßig weiterschlug war Lilith klar, was sie gerade im Begriff war zu tun. Mühsam riss sie sich von ihm los und sprang auf die Beine. Alles drehte sich. Sie hatte sich übernommen. Ein dünnes Rinnsal Blut floss über seine Schenkel in ihre helle Bettwäsche. Lilith wurde schlecht. Sie eilte ins Bad und übergab sich in die Toilette. Schwarzes Blut füllte das Keramikbecken und ihr schlug der typische, metallisch-süße Geruch entgegen. Schwankend eilte sie zurück in ihr Schlafzimmer, wo der Fremde ihr Bett beschmutzte nicht nur mit Blut beschmutzte. Sie nahm sich zusammen und leckte über die Risse in seiner Haut, aus denen sein Lebenssaft nur noch langsam tröpfelte. Sofort versiegte auch dieser letzte Blutfluss. Der Speichel eines Succubus hatte vielleicht keine heilenden Kräfte, doch er sorgte dafür, dass die Wundränder sich augenblicklich schlossen als wären sie miteinander verklebt worden.

Lilith fühlte nach seinem Puls und erschrak darüber, dass sich seine Haut schon kühl und feucht anfühlte. Still verfluchte sie ihre Unbeherrschtheit. Der Mann würde sterben, es war nur noch eine Frage der Zeit. Entgegen landläufiger Behauptungen entsprach es nicht der üblichen Vorgehensweise eines Succubus, sein Opfer zu töten. Wozu auch? Wenn man eine Quelle erst erschlossen hatte war es günstig hin und wieder zu ihr zurückzukehren. Besonders angenehm war es, diese „Futterstellen“ dann dazu zu bringen sich mit Drogen oder Alkohol zu betäuben und so hin und wieder einen Rausch aus erster Hand zu erleben. Darüber hinaus war ein Mensch zwar ein amüsantes Spielzeug, aber es war nicht so, dass ihr ein menschliches Leben gar nichts bedeutete. Sie hatte leider eine Seele und ein Gewissen, welches sie schon jetzt plagte. Sie bedauerte seinen bevorstehenden Tod zumindest ein bisschen. Mal abgesehen von den Unannehmlichkeiten, die nun auf sie zukamen. Wohin mit der Leiche? In einer Mitteleuropäischen Stadt verschwand ein Mensch nicht einfach so von der Bildfläche, ohne das es jemandem auffiel. Und Tote wurden meist doch irgendwann gefunden. Sie musste sich seiner entledigen, solange er noch lebte. Lilith hatte bereits eine Idee wie sie dies anstellen würde, doch sie wusste auch, dass sie sich beeilen musste. Sein Atem wurde flach und langsam und der Succubus war sich im Klaren, dass er diesen Mann bereits getötet hatte.

Sie holte eine Bierflasche aus der Küche, kleidete den Fremden namens Robert an und hob ihn vom Bett auf, dann nahm sie den üblichen Ausgang durch das Fenster und machte sich eilends auf dem Weg zum nahegelegenen Fluss. Mit übermenschlicher Geschwindigkeit eilte sie einige Kilometer flussaufwärts, wobei sie sich zwischen den Büschen und sonstigem Gestrüpp direkt am Flussufer verbarg, um nicht entdeckt zu werden. Als sie glaubte weit genug von ihrer Wohnung entfernt zu sein legte sie ihr Opfer ab und machte sich an ihr blutiges Werk. An einem Stein, der direkt an der Wasserlinie lag schlug sie den Boden der Flasche ab, so dass sich ein gezackter Rand ergab. Ohne zu zögern zerschnitt sie ihm die rechte Hand mit dem scharfkantigen Glas und rammte ihm daraufhin die Flasche in den Oberschenkel. Genau dorthin, wo sie ihn gebissen hatte. Sie wollte, dass es aussah als sei er in eine zerbrochene Flasche gestürzt und dann in den Fluss gefallen, wo er verblutete und ertrank zugleich. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich keinerlei Bedauern ab, als sie den Kopf des Sterbenden unter Wasser drückte und darauf wartete, dass er einatmete. Sie wollte, dass sich seine Lungen mit Wasser füllten, damit er nicht mit luftgefüllter Brust an der Oberfläche treiben würde. Schließlich nahm sie ihn noch einmal die Arme, doch nur um ihn weit von sich in den Fluss zu schleudern.

Sie wusste schon jetzt, wo der Mann gefunden werden würde, nämlich an eine Schleuse etwa 10 Kilometer unterhalb ihrer Stadt. Spätestens dort tauchten sie alle wieder auf, die Selbstmörder, die Opfer und die Ungeschickten. Lilith hoffte lediglich, dass es eine ganze Weile dauern und der Fluss alle Spuren von seinem Leib waschen würde, die ihn mit ihr in Verbindung bringen konnten.

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