Adventskalender: 23. Dezember

Eine ereignislose Minute im Live-Ticker von Spiegel online.

Danke!

 

Ohne Vorwarnung

Von Stefan Kuzmany

[08:23:01] In Bamberg hat der Student Matthias T. nach durchzechter Nacht verschlafen, wälzt sich aus dem Bett, duscht und zieht sich einen dunkelgrünen Kapuzenpulli über. Gleich wird er zur Uni fahren. Er hat keine Waffe dabei.

[08:23:03] Wenige Sekunden später tippt die Versicherungskauffrau Beate F. in Berlin-Mitte die Geheimzahl ihres Kontos in einen Geldautomaten der Sparkasse. Sie wählt als Auszahlungsbetrag 100 Euro. Der Automat knattert. Ein Schlitz öffnet sich. Sie erhält den gewünschten Betrag in kleinen Scheinen.

[08:23:04] Der Rentner Olaf B. aus Wuppertal, ein ehemaliger hochrangiger Angestellter der städtischen Stromwerke, hat eine folgenlose Idee: Er will sich einen schwarzen Tee zubereiten und das Wasser dafür in einem elektrischen Wasserkocher erwärmen. Kurz nachdem er den Wasserkocher eingeschaltet hat, beginnt das Wasser zu brodeln.

[08:23:07] In Frankfurt am Main schaudert es den Bundeswehrgefreiten Dieter S.. Er hatte kurz an ein Feuergefecht gedacht, das er bei seinem letzten Einsatz in Afghanistan erlebt hat. Zur selben Sekunde schreckt auch Mawla Abdulqader M. in der afghanischen Provinz Helmand auf – aus demselben Grund.

[08:23:08] Die 17-Jährige Schülerin Eva L. loggt sich heimlich über einen Schulcomputer an ihrem Gymnasium im oberbayerischen Fürstenfeldbruck in ein soziales Netzwerk ein, um mit einem unbekannten jungen Mann zu chatten. Später wollen sie sich treffen. Er entpuppt sich dann allerdings als Langweiler.

[08:23:10] Ein durchschnittlich gekleideter Mann mittleren Alters betritt unauffällig eine Filiale der Volksbank in Celle. Er zieht seinen Personalausweis und eröffnet ohne Vorwarnung ein Konto.

[08:23:14] Zusammenprall der Kulturen in der Lutherstadt Wittenberg: Vor dem Drogeriemarkt in der Collegienstraße kreuzen sich die Wege des 23-Jährigen Arbeitslosen Maik G. und des 43-Jährigen Kleinunternehmers Ali M. Beide nicken sich kurz zu und gehen weiter.

[08:23:21] Der Journalist Karl U. denkt kurz daran, auf der gleich beginnenden Redaktionskonferenz ein flammendes Plädoyer für die Rückkehr Karl-Theodor zu Guttenbergs in die Bundespolitik anzuregen. Er überlegt es sich dann aber doch noch anders.

[08:23:25] Die Oberschüler Ralf B. (13), Timo L. (14) und Michael B. (14) aus Oberhausen nutzen eine ausgefallene Mathematikstunde, um im schulnahen Supermarkt einzukaufen – auf einer nahe gelegenen Parkbank wollen sie es sich dann „gut gehen lassen“: Mit Limonade und Schokolade.

[08:23:29] Der Internist Dr. Martin R. aus Weilheim teilt seinem Patienten Holger K., einem 53-Jährigen verheirateten Busfahrer mit zwei Kindern, die Ergebnisse einer Lungenuntersuchung mit: Kein Befund.

[08:23:37] Der Journalist Karl U. denkt kurz daran, auf der gleich beginnenden Redaktionskonferenz ein flammendes Plädoyer für die Rückkehr Thomas Gottschalks zu „Wetten, dass..?“ anzuregen. Er überlegt es sich dann aber doch noch anders.

[08:23:41] Niemand rechnet an diesem strahlenden Morgen auf der Baleareninsel Mallorca damit, dass in wenigen Minuten eine sechzehn Meter hohe Monsterwelle die friedlichen Strände und tausende Menschen unter sich begraben könnte. Zu Recht.

[08:23:45] In Nordhausen betrachtet Gerd S. (56), Inhaber und Geschäftsführer eines mittelständischen Kartonagenherstellers, zufrieden die jüngsten Auftragseingänge. Noch ahnt er nicht, dass im Laufe des Tages noch mehr dazu kommen werden.

[08:23:49] Die juristische Fakultät der Universität Bayreuth verleiht Thomas K. nach bestandener Prüfung die Doktorwürde. Was nur K. weiß: Er hat nirgendwo abgeschrieben.

[08:23:53] Im ersten Stockwerk einer Kindertagesstätte in der Baerwaldstraße in Berlin-Kreuzberg schreien fünfzehn Kinder in vier Sprachen wild durcheinander. Die beiden Erzieherinnen nehmen es gelassen.

[08:23:56] Weltlage entspannt.

[08:23:59] Tausende Leser eines Livetickers auf SPIEGEL ONLINE warten auf eine Schlusspointe. Doch das Leben geht auch ohne weiter.

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Adventskalender: 22. Dezember

Ein Weihnachtsgedicht von Loriot:

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken
Schneeflöcklein leis‘ herniedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner, weißer Zipfel.
Und dort, vom Fenster her, durchbricht
den tunklen Tann ein warmes Licht.

Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
Drum kam sie mit sich überein:
Am Niklasabend muß es sein.

Und als das Rehlein ging zur Ruh‘
das Häslein tat die Augen zu,
erlegte sie – direkt von vorn –
den Gatten über Kimm‘ und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei, drei, viermal die Schnuppernase
und ruhet weiter süß im Dunkeln
derweil die Sterne traulich funkeln.

Und in der guten Stube drinnen,
da läuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muß die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmannssitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied,
was der Gemahl bisher vermied,
behält ein Teil Filet zurück
als festtägliches Bratenstück
und packt darauf – es geht auf vier –
die Reste in Geschenkpapier.

Da tönt’s von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ist’s, der in so später Nacht
im Schnee noch seine Runden macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten.
„He, gute Frau, habt Ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?“

Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau ist schon bereit:
„Die sechs Pakete, heilger Mann,
’s ist alles, was ich geben kann.“

Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt – es ist Advent!

 

 

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch toppen kann oder ob ich die Zeit dazu finde!

 

Deshalb schon jetzt an dieser Stelle: EIN FROHES FEST EUCH ALLEN!