Antwort zur Sonntagsfrage Nr. 9

Diese Frage war wirklich kurz und knackig und auch wenn du die Antwort bereits kennst finde ich es sinnvoll sie hier noch einmal zu beantworten.

Also: Wie habe ich Heiligabend verbracht?

Ich schreibe diesen Beitrag im Präsenz, weil es mir erleichtert die Ereignisse in eine chronologische Reihenfolge zu bringen.

Eigentlich wäre alles fast so gewesen wie immer. Am 23.12. fahre ich zu meiner Familie. (Mama und drei von vier Brüder wohnen etwa 200 km entfernt.) Wir machen das eigentlich immer so. Wenn ich einen Partner habe, kann es natürlich sein, dass ich jeden zweiten Heiligabend mit ihm bei den seinen verbringe. Doch bei der neuen Liebe ist das nicht wirklich ein Thema.

Diesmal ist mir etwas mulmig, als ich mich auf den Weg machte. Denn ich weiß, dieses Jahr wird nicht wie die vorherigen. Bei G., dem Partner meiner Mutter hat man vor einigen Wochen Krebs festgestellt. Und ein paar Tage vor Weihnachten hat er mit der Chemotherapie begonnen. Es geht ihm nicht wirklich gut und mir wird schnell klar, dass er nicht wie sonst mit uns feiern können wird.

Trotzdem gestalten wir unseren Feiertag fast so wie immer. Es wird viel zu viel zu Essen zubereitet. Meine Mutter macht immer mindestens zwei verschiedene Gerichte. Diesmal kochen wir Gulasch und Hühnerfrikassee, dazu Semmelknödel, Bandnudeln, Dämpfkraut und Rosenkohl. DIESES Jahr sind wir richtig gut vorbereitet. Wir haben Zeit ohne Ende.

Zumindest denken wir das, bis uns auffällt, dass 20 Minuten vor der Zeit, zu der wir das Essen servieren wollen, noch nix fertig ist. Der Tisch ist nicht gedeckt, die Knödel sind nicht im Wasser und wir sehen aus…naja, als hätten wir den ganzen Tag in der Küche gestanden.

Kurz: Wir verschieben das Essen um eine Stunde. Und dann wird es richtig schön und entspannt. G. kann natürlich nicht viel essen und muss sich auch bald wieder hinlegen. Bei der Bescherung kann er nicht dabei sein. Das drückt auf unsere Stimmung. Aber der Krebs wurde sehr früh erkannt und wir sind uns sicher, dass es ihm „bald“ besser gehen wird. Wir sind froh, dass der Tumor noch so klein ist und die Chancen, dass sich sein Zustand verschlechtert sind wirklich gering.

Etwa um elf kommt noch ein befreundetes Ehepaar zu Besuch. Die beiden bringen kleine Präsente und einen selbst gemachten Eierlikör mit und es kommt ein bisschen Partystimmung auf.

Bescherung machen wir dann erst um halb eins in der Nacht, weil Bruder 4 und seine Freundin mit deren Familie zu Abend gegessen haben und später zu uns stoßen, als erwartet. G. fehlt dabei und doch sind wir glücklich. Darüber, dass wir uns haben. Darüber, dass die neue Liebe einfach so gut dazu passt. Darüber, wie schön und durchdacht alle Geschenke sind.

Wieder wird uns klar, was wir für einen langen Weg als Familie zurückgelegt haben. Immerhin bin ich, mit über 30 langsam dazu bereit G. als eine Art zweiten Vater anzuerkennen und obwohl wir bei weitem nicht perfekt und schon gar nicht unkritisch sind, herrscht an Weihnachten aufrichtige Harmonie.

Ich liebe diese Tage und bin froh, dass mit so vielen besonderen Menschen teilen zu können.

Sonntagsfrage Nr. 7

Ich gebe dir Recht, in Weihnachtsstimmung zu sein und beim Konsumfest mit zu machen wird so sehr erwartet, dass es sich anfühlt wie Nötigung. Das ist dann auch schon genau das, was mich an Weihnachten stört: Dieser Drang zu konsumieren und hunderte Euros auszugeben, für etwas, das mit Religiosität, Nächstenliebe, Besinnlichkeit und Familienzusammenhalt zwangsassoziiert wird.

Da ich mit Gruppendruck und Konsumzwang nicht so gut umgehen kann und zudem, zumindest vom deutschen Mittelwert ausgehen, arm bin, weigere ich mich da mit zu spielen. In den letzten Jahren führte das dann auch zu einem gewissen Überdruss. Ich kam nicht mehr in die sogenannte Weihnachtsstimmung, die ich vielleicht mit „Cosyness“ und Vorfreude umschreiben würde.

Das Weihnachtsfest verbringe ich immer bei meiner Familie, was in diesem Fall „Kernfamilie“ heißt. Also meine Mutter, mein „Stiefpapa“, meine Brüder, deren Partner und ein paar enge Freunde der Familie. Bei uns haben wir, um dem Konsumzwang zu entgehen, schon vor einiger Zeit eingeführt, dass wir „Wichteln“. Das bedeutet jeder zieht den Namen einer Person und beschenkt dann diese und nur diese. Das hat uns alle sehr stark entlastet und führt dazu, dass jeder etwas hat, auf das er sich freuen kann, ohne finanziell oder zeitlich in Stress zu geraten oder in Gefahr zu laufen, jemanden zu vergessen.

Dieses Jahr bin ich aber sogar schon ein paar Mal in Weihnachtsstimmung gewesen.

Als es neulich so aussah, bei uns an der Uni:

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Als mir klar wurde, dass ich dieses Jahr mit der neuen Liebe feiern kann und ich mir gar keine Sorgen um ihn machen muss, da er nicht, wie der andere, in irgendwelche komischen Stimmungen gerät. Ich kann einfach nur ein paar schöne freie Tage mit ihm genießen.

Als ich auf dem Weihnachtsmarkt war und mit Lumumba und gewürztem, heißen Apfelsaft meine Lieblingswinterheißgetränke entdeckte.

Zusammenfassend: Ich mag Weihnachten. (Wegen der Plätzchen. Ich hoffe, ich schaffe es noch Plätzchen zu backen, denn Plätzchenduft, gehört ganz klar zu dem, was an Weihnachten so liebenswert ist.) Und Tee und Lichterketten, überhaupt die Lichter überall, und das Essen, Trinken und Feiern mit der ganzen Familie. Die Nestwärme und die Freude über alles was gut ist. Und ich bzw. wir feiern unser Weihnachten so, wie es uns gefällt.

Tempest

Vieles nervt mich am alljährlichen Weihnachtswahn. Die ewig gleichen Lieder (ich kann „Last Christmas“ nicht mehr hören – wie wäre es mal mit was Neuem?), die ewig gleichen Fragen („Bist du schon in Weihnachtsstimmung?“; „Hast du schon Geschenke gekauft?“). Ich bin grundsätzlich kein Weihnachtsmuffel (auch ich mag manches an Weihnachten und komme in Stimmung) und auch kein Grinch (siehe Bild), aber diese ewigen Wiederholungen und diese Selbstverständlichkeit, mit der erwartet wird, dass jeder Weihnachten toll finden müsste und dieses Vermitteln der Wichtigkeit von Geschenken (Konsumfest…) nervt mich einfach. Das ist ja wie ein gesellschaftlicher Zwang (wenn ich Lust habe, mache ich bei vielem mit, aber nicht aus Zwang!)… Aber so ausführlich möchte ich da jetzt gar nicht werden – da würden noch weitere Ausführungen erforderlich sein. Ich wollte damit nur meine Fragen einleiten. Mich interessiert also:

Wie stehst du zu Weihnachten? Bist du in Weihnachtsstimmung, verfällst auch dem alljährlichen Wahn…

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Nachtrag zum Ende von Weihnachten: 18 lustige Wichtel auf dem Weihnachtsmarkt

An sich war das eine super Idee. Wir fahren mit unseren Teilnehmern auf einen der bekanntesten Weihnachtsmärkte Deutschlands.

Wir haben da eine Gruppe junger, integrationswilliger Migranten und mit denen machen wir mal was ganz traditionelles. Natürlich kann man niemandem verkaufen, dass so ein feuchtfröhlicher Ausflug der Identifikation mit unserer Kultur alleine dient. Also muss passend dazu noch ein Kurs her. „Weihnachten in Deutschland“ 5 Unterrichtseinheiten Kurs inklusive Gruppenarbeit und Workshop. Es stellte sich heraus, dass es zu Weihnachtstraditionen in Deutschland eine ganze Menge zu erzählen gibt. Die Teilnehmer waren auch ausgesprochen motiviert bei der Sache.

Vormittags paukten sie im Sprachkurs und am Nachmittag besuchten sie den „Weihnachtskurs“.

Meine Kollegin meinte: „Das ist ganz schön viel für die. Das ist wirklich anstrengend.“ Eben, weil es da ja so viel zu wissen gibt. Vom Adventskalender über den Lebkuchen, den Tannenbaum und den Schwibbogen  bis hin zum weihnachtlichen Liedgut. Und dann noch die Unterscheidung zwischen religiöser Überzeugung und gelebter Tradition.  Oder kann mir einer in einfachen Worten erklären, warum das Christkind, dass ja genau genommen das kleine Jesuskind ist, welches in der Heiligen Nacht geboren wurde, auf den Bildern und den Weihnachtsmärkten von einem jungen, unschuldigen Mädchen mit Engelsflügeln und goldenem Heiligenschein dargestellt wird. Ganz ehrlich, die Verbindung habe ich als Kind auch nicht hergestellt.

Also gab es den ersten Weihnachtskurs von dem ich je hörte. Die Tafel wurde mehrmals beschriftet und wieder abgewischt,  es wurde gesungen, es gab Christstollen und am letzten Tag wurde sogar Räucherwerk angezündet.

Und schließlich zogen wir auf den Weihnachtsmarkt.

Man muss wissen, ich bin in organisatorischen Dingen eher mittelmäßig bewandert. Ich weiß wohl theoretisch, worauf es ankommt. Ich versuche auch immer an alles zu denken. Aber dank meines natürlichen Verwirrungszustandes vergesse ich auch immer irgendetwas.

Diesmal jedoch war das ganz anders! Ich hatte an alles gedacht. Ich hatte den Reiseplan ausgedruckt und die Zeitplanung stand inklusiver einberechneter Zeitpuffer. Es konnte nichts schiefgehen, aber auch gar….ja, Murphys Law hatte ich nicht bedacht. Es kann immer etwas schief gehen. Und es wird natürlich auch schief gehen.

Ich hatte nämlich nicht bedacht, dass es viel schwieriger ist eine Gruppe von 18 Erwachsenen zu kontrollieren als eine Gruppe von ebenso vielen Kindern. Als ich, 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ankam war die Gruppe schon beinahe vollständig.

„Gut“, dachte ich, „klappt ja wie geschmiert. Also eben kurz durchgezählt: 1,2,4,6,8…ähm wo ist denn Z., die war doch eben noch da…ah da drüben, nochmal von vorne…2,4,6,8,10…hm, war M. auch gerade eben schon da? Und wo ist denn jetzt C. hin, der stand doch noch…“

Langer Rede kurzer Sinn: Das Zählen allein dauerte etwa 10 Minuten. Daraufhin ging ich die Tickets kaufen, das dauerte wieder 10 Minuten, denn der Fahrkarten-Automat weigerte sich, meine Geldscheine anzunehmen. Also tauschte ich jeden Schein am Schalter erst mal um. Dann klappte das auch…mit ein bisschen Aggression und farbenfroher Beschreibung des Kassenautomaten.  Als ich wieder zu der Gruppe zurückkam fehlten 5 Leute und 2 waren dazugekommen.

Ich dachte ich werde verrückt und wollte mir schon die Haare raufen.  Einer stand draußen und rauchte. Eine war im Blumenladen, drei kauften Kaffee. Meine Kollegin, die Lehrerin des „Weihnachtskurses“ wohlgemerkt, fühlte sich irgendwie nicht so recht verantwortlich. Nach erneutem Durchzählen waren wir uns schließlich auch sicher, dass die Sache mit den Bayerntickets aufgehen würde und liefen los. Meine Kollegin und eine kleine Gruppe gingen voran und ich kam hinterher, mit dem ganzen Rest. Ich fühlte mich wie ein Hirtenhund. Ständig blieb jemand zurück oder wollte „nur eben kurz was schauen“. Ich war kurz davor sie anzubellen.

Am Bahnsteig angekommen hatten wir noch eine Minute bis zur Abfahrt des Zuges. Meine Kollegin und ihr Teil der Herde waren verschwunden. Die waren bereits eingestiegen. Also machten wir, dass wir auch in den Zug kamen. Drin fiel mir auf, dass der Zug aus zwei Teilen bestand und man zwischen diesen nicht wechseln konnte. Ich rief die Kollegin an und fragte sie, wo sie sei und was los wäre.

„Schon eingestiegen“, war die Antwort, “ der Zug wäre ja fast ohne uns gefahren, ihr wart zu langsam.“

„ Aha“, meinte ich, „und wenn wir nicht dabei gewesen wären wärt ihr ohne uns gefahren?“

„ Tja“, sagte sie nur. Und dann meinte sie, dass sie zu 6. Wären. Bayernticket hatten sie aber nur eins. Okeee…wozu hatte ich nochmal zuvor die Gruppe in Grüppchen aufgeteilt? Jedes Grüppchen sollte jeweils zusammen bleiben und füreinander die Verantwortung tragen, damit immer 5 zusammen mit einem Bayernticket fahren konnten. Ich kam mir schon ein bisschen blöd vor, als ich das tat. Es waren ja alles Erwachsene…tjaja.

Natürlich ließ der freundliche Zugbegleiter mit sich reden, als wir ihm die Situation schilderten. Auch wenn es ein bisschen dauerte, bis er verstand was ich versuchte ihm zu erklären und wie viele Leute wir nun wirklich waren.

Wir kamen in Nürnberg an. Wirklich und wahrhaftig und alle zusammen. Dann ging es natürlich weiter? Wo müssen wir hin? Wo ist der Eingang zur U-Bahn? 2 Leute müssen jetzt aber aufs Klo.

„Wie aufs Klo? Warum sind sie nicht gerade im Zug gegangen?“

„Sie wollten nicht auf das Zug Klo…“

Ruhig bleiben, jetzt einfach ruhig bleiben. Klo…gibt es nicht. Zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

„Wir gehen zur U-Bahn. Wir gehen. Wir gehen! Hallo? Wir gehen…in…diese Richtung!“

Meine Kollegin lief los mit etwa 6 von 18 Leuten im Schlepptau. Ein paar gruppierten sich um mich. Ein paar starrten blicklos ins Leere. Ein paar machten Fotos. Ich blieb total ruhig. Und dann wurde ich laut:

„ Move, Bewegung, Dawai, Andale, Losloslos!“

…nix.

Ich habe ein Problem: Ich bin nicht der autoritäre Typ und ich hasse es eine Führungsrolle übernehmen zu müssen in einer solchen Situation.

Kollegin 1 stand an der Rolltreppe und sah mich vorwurfsvoll an: „Kommt ihr nicht?“

Kollegin 2 erklärte den russischen Damen, dass es jetzt hier keine Toilette gab. Ich ließ die Arme hängen: „Die bewegen sich einfach nicht…Pass auf, ihr geht einfach los, ich treibe die jetzt von hinten wie ein Schäferhund.“

Und das tat ich dann auch. Ich ging an der Gruppe entlang und trieb sie wie Schafe, bellend und immer im Kreis um sie herumlaufen. Los, hier lang, Treppe runter, wir müssen unsere Bahn bekommen….

Letztlich schafften wir es zum Markt. Als wir an einer Hütte anhielten, um Glühwein auszugeben war die erste Frage an den Schankwirt von einer türkischen Teilnehmerin, wo denn der nächste Dönerstand wäre.

Ich konnte mein Glück nicht fassen.

Glaubt es oder nicht: Wir kamen ohne Verluste nach Würzburg zurück, ich brachte niemanden um und ehrlich gesagt habe ich die ganze Fahrt doch sehr genossen.